3 Alternativen

Karla lässt alles stehen und liegen. Sie geht langsam zum Haus und setzt sich an den Küchentisch. Reglos sitzt sie dort eine halbe Ewigkeit, den Kopf auf die Hände gestützt. Ein endloser Strom an Tränen fließt über ihre Wangen.

In diesem Zustand findet sie ihr Mann Walter vor, als er von der Physiotherapie nach Hause kommt. Er ist entsetzt. Noch nie hat er sie in einer so desolaten Verfassung gesehen. Karla war immer stark und fröhlich.

1 –    Um Gottes Willen! Was ist denn passiert? Ist jemand gestorben?“, fragt er sie besorgt.  „Ja, ich, vorhin im Garten. Ich kann nicht mehr!“, schluchzt sie laut. Er setzt sich zu ihr, hält ihre Hände. Karla erzählt, immer wieder durch Weinen unterbrochen, was ihr im Garten überfallartig bewusst wurde. So will sie nicht mehr leben. Walter schaut ungläubig auf seine Frau, schüttelt kaum merklich den Kopf.  Nach einer Weile des Schweigens sagt er: „Warum hast du denn nie etwas gesagt? Ich würde auch gerne mal wieder etwas Außergewöhnliches, etwas Verrücktes mit dir erleben. Aber ich dachte, du bist zufrieden, so wie es ist.“ Kaum kann Karla glauben, was sie da hört. Sie wischt sich die Tränen vom Gesicht. „Ist das wirklich wahr?“ „Natürlich,“ antwortet Walter, läuft um den Tisch herum und nimmt sie in den Arm. „Und jetzt machen wir gleich eine Planung für das Wochenende.“ „Und in Zukunft reden wir über die Dinge, die wir gerne ändern würden. Vielleicht kann ja doch noch alles gut werden.“, erwidert Karla strahlend.

2 –    Walter mag keine Irritationen. Er will seine Ruhe und blickt genervt auf seine Frau. Als sie ihm von ihren Gedanken erzählt und sagt, dass sie so nicht mehr weitermachen kann, wird er zornig. „Was soll das jetzt? Was erwartest du von mir? Diese ganzen Sachen sind einer Frau in deinem Alter nicht würdig!“ Karla bleiben die Worte im Halse stecken. Beschämt blickt sie auf die gekreuzten Hände in ihrem Schoß, zieht an den Fingern, bis sie knacken. Er poltert weiter: „Kannst du nicht einfach zufrieden sein? Jahrelang hab ich mir den Arsch aufgerissen, damit es dir an nichts fehlt. Da hab ich mir jetzt doch meine Ruhe verdient. Wenn du so weiter machst, wirst du schon sehen! Das muss ich mir nicht anhören!  Ich hau jetzt ab und bleib ein paar Tage bei Günther, bis du wieder normal bist!“

Karla wagt es nicht, sich zu regen. Ein paar Minuten später fällt die Haustür ins Schloss. Erstaunt bemerkt Karla, dass sie erleichtert ist, dass er fort ist. Langsam kommt das Leben in ihren Körper zurück, der Kopf arbeitet wieder. Sie wird zornig. Der Ausbruch hat ihr gezeigt, dass er es ist, der ihr den Sinn geraubt hat. Aufatmen. Endlich allein. Davor hatte sie immer Angst. Nun spürt sie nur Erleichterung und Freude.

Entschlossen greift sie zum Telefon, ruft Günther, Walters Bruder, an. Sie sagt ihm, dass er Walter behalten kann, sie will ihn nicht mehr sehen und wird sich scheiden lassen. Walter kann schon mal eine Aufstellung machen, was er haben will. Als nächstes telefoniert sie mit Ruth, ihrer besten Freundin. Ruth ist seit zwei Jahren verwitwet. Eine lustige Witwe, die viel unterwegs und nicht gern allein in ihrem Haus ist. Sie kommt gleich rüber und sie machen Pläne, feiern die Freiheit.

Karla und Ruth werden zusammenziehen, ein Haus wird vermietet, Walter wird ausbezahlt. Die beiden Frauen verleben noch ein paar schöne, erlebnisreiche Jahre.

3 –   Bevor Walter etwas sagen kann, springt Karla auf und verschwindet im Schlafzimmer. Sie packt ein paar Kleidungsstücke und Waschsachen zusammen. Walter kommt natürlich nicht hinterher. Er hofft sicher, dass alles wieder beim Alten ist, wenn sie wieder runterkommt. Aber da hat er sich getäuscht.

Karlas Entschluss steht fest. Sie muss austesten, ob sie sich außerhalb dieses Hauses und ohne den Mann weniger tot fühlt. Wenn das gelingt, wird es für sie kein Zurück mehr geben. In kurzen Worten teilt sie dies dem verdutzten Mann mit und verlässt das Haus. Schon jetzt fühlt sie sich lebendiger  als in den ganzen vergangenen Jahren. Sie wird erst einmal bei Ruth unterkriechen. Dann wird man sehen.

So, da kann sich jeder seine Version aussuchen.

 

17 Gedanken zu “3 Alternativen

  1. Wieder eine so schöne Erzählung, die sogleich meine eigene Phantasie zum „Weiterspinnen“ der Geschichte angeregt hat.
    Mir würde noch eine weitere Variante zum Ausgang der Geschichte einfallen: Klara bringt ihren Unmut auf den Tisch und stößt zunächst auf Ablehnung und Unverständnis von Seiten ihres Ehemanns. Es kommt zum Streit, ja gar zur schweren Ehekrise. Es beginnt ein mühevoller und langwieriger Weg auf dem Klara die Angst davor verliert ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren und sich diese auch unabhängig von ihrem Mann zu erfüllen. Ihr Mann hingegen lernt die Angst vor einer unabhängigen und selbstbestimmten Frau zu verlieren. Nach jahrelangem beidseitigem Ringen um die eigene Autonomie lernen beide sich wahrhaftig zu begegnen und sich gegenseitig in ihrer Andersartigkeit zu lieben und respektieren……… und so lebten sie beide glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

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  2. Ich nehme Version 1, weil heute so ein schöner Tag ist. Obwohl ich sehr über den Gedanken „Er kann Walter behalten!“ lachen musste.
    Das Leben wäre so viel leichter, wenn die Dinge wie in Version 1 wären, aber ich glaube auch, die besten Bücher würden dann nicht zustande kommen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Mitten aus dem Leben … wenn die Erleichterung, allein zu sein, größer ist als die Angst vor eben dem. Dann war es das. Ein mir vertrautes Gefühl.

    Das erinnert mich daran, allen Grund zu haben, für meiner Gegenwart dankbar zu sein.

    Grüße !

    Gefällt 2 Personen

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