Sinn?

Die Frage von Barbara  bei https://einefrageamtag.de/

–  Warum stehst du jeden Morgen auf? – hat mich zu dieser kleinen Erzählung animiert.

Karla ist früh aufgestanden an diesem Morgen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Der ideale Tag, um mit den Frühjahrsarbeiten im Garten zu beginnen. Damit alles wächst, gedeiht und blüht. Einen schönen Garten hat Karla. Einen, um den sie beneidet wird. Groß ist er auch. Viel Arbeit, aber sie macht sie gern. Die Beete sind eingefasst mit Steinen, die sie in ihrem großen grünen Rucksack aus den umgebenden Wäldern selbst nach Hause geschleppt hat. In jeder schönen Ecke befindet sich ein Sitzplatz. Jeder anders gestaltet, teils mit Sandsteinbänken, teils mit alten Eisenmöbeln, sehr individuell. Kleine Spiegel hängen in den Rankgewächsen und fangen das Gegenüber ein. Ab 15°C lebt Karla draußen. Sämtliche Gartengeräte liegen bereit. Es kann losgehen.

Oben am Zaun sind zwei neue Hochbeete für Gemüse geplant, weil das stundenlange Bücken schon beschwerlich ist. Eine Weile hackt und zupft sie hingebungsvoll. Dann muss sie ihren Rücken strecken. Sie stützt sich auf den Stiel der Hacke. Das bearbeitete Stück sieht schon sehr gut aus. Karla blickt sich um, lässt den Blick schweifen über ihr Reich.  Schön hier!

Plötzlich blitzt ein Gedanke auf, wird größer, verdrängt alle anderen. Die Farben des Frühlingstages verblassen, das Vogelgezwitscher vernimmt sie nur ganz leise, wie von ferne. „Wofür das alles?“, tönt es. Das hatte Ruth gefragt, als sie sich das letzte Mal zum Kaffee trafen. Karla hatte gelacht. Das war für sie keine Frage – bis jetzt.

Machte es wirklich Sinn, was sie tagtäglich vollführte? Für sie selbst? War sie die Frau, die unermüdlich im Garten wühlte und trotzdem immer adrett und jugendlich wirkte – nur diese Frau? Nein, Karla war die, die für ihr Leben gern leidenschaftlich liebte und tanzte, Motorrad fuhr, gerne Kinder um sich hatte.  Es war einmal. Lange hatte sie die Hoffnung gehabt, ihr Mann könne sich eines Tages wieder für sie interessieren, sich wieder gerne mit ihr zeigen. Wenn sie nur genug an sich arbeitete, das Original wieder herstellte, es ihm schön und gemütlich machte. Bei gemütlich war es dann geblieben. Viel zu lange schon. Ein Leben getrennt schweigend nebeneinander auf dem Sofa oder der Gartenbank. Manchmal wurden Belanglosigkeiten ausgetauscht. Ohne Tiefe, ohne Seele. Einmal im Jahr Urlaub in einem Fünf-Sterne-Hotel. Darauf hatte sie immer ganz besonders viel Hoffnung gesetzt. Ihre Hoffnungen nun vom Winde verweht.

Niemand braucht sie mehr. So viel Sehnsucht, die ins Leere läuft. Nie wieder würde sie körperliche Nähe und Leidenschaft spüren. Also: Wofür das alles? Kraftlos lässt sie die Hacke ins feuchte Gras fallen.

 

 

 

 

7 Gedanken zu “Sinn?

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