Vertretung

Gestern hatte ich eine Vertretungsstunde in einer 4. Klasse, die mich lange beschäftigt hat. Einmal, weil ich bestimmt wieder voller Überzeugung etwas „Falsches“ gesagt habe, zweitens weil mich die Frage eines Jungen sehr erschüttert, hellhörig gemacht hat. Hab später auch mit der Klassenlehrerin darüber gesprochen. Womöglich bin ich bei bestimmten Dingen zu empfindlich. In der Regel jedoch kann ich mich auf meinen Instinkt verlassen.

Vertretung in ev. Religion. Alles gut vorbereitet. Kinder sollten aufschreiben und malen, wie sie sich Gott vorstellen. Danach sollten sie zu Papier bringen, welche Fragen sie an Gott stellen wollten. Von Mann mit weißen Bart auf der Wolke über Engel und Monster (aus Peinlichkeit) erstreckte sich das Spektrum der Darstellungen. Viele Fragen zu Streit, Krieg und Katastrophen.

Zwei Blätter blieben leer. Ein Junge erklärte mir, er glaube nicht an Gott, denn vor der Entstehung der Erde habe es ja nichts gegeben, also könne auch kein Gott vorher dagewesen sein. Ich fragte dann, ob nicht zumindest eine große Energie dagewesen sein müsse, um die Erde entstehen zu lassen.  Ja schon, meinte er. Um ihn nicht mit meinem Nichtglauben an einen bildhaften Personengott zu beeinflussen, bat ich ihn darüber nachzudenken. Schließlich sei es jedem selbst überlassen, wie er sich Gott vorstelle. Er wirkte recht zufrieden, ich war es nicht wirklich. Weil ich weggelassen hatte, dass es auch jedem überlassen ist, die Existenz eines Gottes anzuzweifeln. Aber das wäre mir absolut übergriffig erschienen, da ich die Kinder ja nicht wirklich kenne.

Der Zweite, auch ein Junge, sagte ihm fiele keine Frage ein. Wir unterhielten uns eine Weile, dann sagte er, er wolle wissen, warum er eigentlich einen Bruder haben müsse. Aber das sei jetzt  nur Quatsch, lachte er laut. Seine Augen jedoch wirkten traurig und irgendwie ruhelos. Irgendetwas gärte da. Ich meinte, vielleicht fiele ihm ja noch etwas ein, das kein Quatsch sei. Er setzte sich wieder und nach einer Weile schrieb er etwas. Ich sammelte die Blätter ein, verließ die Klasse und las das Geschriebene durch. Besagter Junge hatte geschrieben, groß, über das ganze Blatt: GOTT, WARUM HAST DU MICH ERSCHAFFEN?

Das hat mich zutiefst erschüttert und aufgerüttelt. Ist das nun übertrieben?

24 Gedanken zu “Vertretung

  1. Ich finde es nicht übertrieben. Auch ich hätte aufgehorcht.

    Ihm signalisieren, dass man da ist, dass man ihn sieht, ihn wahrnimmt, das fände ich wichtig.

    Ich war schon als Kind sehr depressiv, gemerkt hat es keiner, ich wurde, auch von den Lehrern, immer als lahme Ente tituliert, das tat weh und verstärkte mein Gefühl des „Nichtgesehenwerdens“ noch sehr.

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  2. Nein, ich empfinde es überhaupt nicht als übertrieben. Ganz im Gegenteil, es ist schön zu lesen, dass da Menschen sind die sich von den (wenn auch vielleicht verdeckten) Notsignalen anderer Menschen berühren lassen und auch entsprechend darauf regieren. Ich denke wenn diese Achtsamkeit weiter verbreitet wäre, dann könnte auf diesem Planeten viel Leid verhindert werden.

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      1. Ja, dieses Phänomen beobachte ich auch immer wieder. Für mich hat das etwas sehr Tröstliches. Verleiht es den schmerzlichen Erfahrungen in meinem Leben doch zumindest in gewisser Hinsicht einen Sinn. Wenigsten (so hoffe ich zumindest) kann ich dann mit dem was ich aus diesen Erfahrungen gelernt habe anderen weiter helfen.

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  3. Eine heftige Frage für einen knapp 10-jährigen, sicher. So Fragen stellen sich sonst eher Pubertierende oder junge Erwachsene. Um so wahrscheinlicher ist es, dass er zeitig eine Antwort bekommt, wie immer die auch ausschaut. Grausamkeiten, die früh im Leben begangen werden, prägen nicht nur, sie haben mitunter auch klärende Wirkung für den Rest des Lebens.

    Offensichtlich gibt es da massive Spannungen, zwischen seinem älteren Bruder und ihm. Könnte ihm hilfreich sein, dem ein wenig nachzugehen.

    Grüße !

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    1. Ich selbst habe als Kind und Jugendliche Beweise für meine Lebensberechtigung gesucht, indem ich mich in gefährliche Situationen brachte. dass ich alles überlebte, war mir irgendwann Beweis genug. Manchmal denke ich, dass eine gute Portion Glück dazu gehört, einigermaßen unbeschadet das Erwachsenenalter zu erreichen. So nach allem, was man so anstellt.

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  4. Dir sind diese Kinder und ihre Fragen wichtig, trotz Vertretungssituation. Das zeichnet Dich aus! Die Klassenlehrerin hast Du mit ins Boot geholt, nun wird es von anderer Stelle begleitet.

    Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir die Welt nicht im Alleingang retten können.

    Es passieren täglich unsagbar schlimme Dinge, die wir noch nicht einmal erfahren.

    Sind wir jedoch viele und so aufmerksam und menschlich wie Du, gibt es Hoffnung für alle und alles.

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    1. Für den Zweifler hätte ich halt gern mehr Zeit gehabt. Mit meinen Kindern habe ich in vielen Jahren immer wieder solche Themen besprochen. Nach den Maßgaben des Religionsunterrichts war es falsch, ihn zu unterstützen. Da hätt ich dann wohl etwas salbungsvolles antworten sollen. das ist aber nicht meins. Ich habe schon einmal Gleichnisse als Sagen bezeichnet, die man nicht wörtlich nehmen, aus denen man aber etwas lernen soll. Kam nicht so gut. Ist aber eben meine Überzeugung. Deswegen bin ich auch keine Reli-Lehrerin.

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      1. Du musst ja auch nicht gläubig sein, nur weil du Lehrerin bist. Ich habe meinen Glauben wieder gefunden und weiß, dass das etwas ganz individuelles ist. Ich verspüre keinen Drang und auch kein Bedürfnis meinen Glauben weiterzugeben und so sind meine beiden älteren Töcher fern jeglicher Religion, während unser Nesthäckchen Messdienerin geworden ist. Das hat mich dann aber doch gefreut. Sie ist aber erst 10 und ich bin mir sicher, dass sich das bei ihr auch noch ändern wird. Lustig ist vielleicht, dass ich meinen Glauben nicht trotz, sondern fast wegen meiner wissenschaftlichen Arbeit gefunden habe. Es gibt einfach viel zu viele Fragen und je mehr man sucht um so mehr findet man. So dann wünsche ich dir noch ein schönes Wochenende mit den besten Grüßen Wolfgang

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  5. Ein Alter in welchem differenziert wird um, wenn es gut geht, zu transzendieren und zu umfangen (Integration). Ich finde es beachtlich, denn Zweifel und nicht Glauben, das ist wirklich spirituell (noch kindlich zwar) doch hat es eher Sinnfindungspotential als „blind“ zu Glauben. Gruß dir.

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  6. NEIN, ganz und gar nicht. Mein Mutter Herz schreit auch auf wenn ich es nur lese. Dein Instinkt funktioniert sehr gut. Man sollte vielleicht heraus bekommen wie alt sein Bruder ist. Vielleicht ist er erst seit kurzem Bruder geworden und er muss sich erst einmal einfinden in der neuen Situation. Das wäre jetzt die harmlose Überlegung. Es gibt natürlich noch 1000 andere. Ich würde am Ball bleiben.

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