(K)ein Interview

Natürlich ist ein solches Interview mit dem Unterbewussten, Unbewussten nicht realistisch, der Lebensweg jedoch durchaus.

Der erfolgreiche Jungunternehmer wird zu einem Interview geladen. Seine innovativen und angesagten Fertighauskonzepte sind die Sensation auf der Messe. Der diesjährige Gewinn kratzt an der Zwei-Millionen-Marke. Groß, schlank selbstbewusst sitzt er seiner Befragerin gegenüber.

Wie erklären Sie sich Ihren grandiosen Erfolg?

–  Ich habe Bedürfnisse erkannt, Defizite der herkömmlichen Konstruktionen analysiert, eine Prise Ästhetik hinzugefügt und eine neue Form erschaffen.

Sie werden ja hoch gelobt und sind innerhalb von zwei Jahren zum Marktführer geworden. Wie wird es weiter gehen, was ist für die Zukunft geplant?

– Ich werde mein Glück überstrapazieren, meine Steuererklärungen verspätet und nicht wahrheitsgemäß abgeben und Schwarzgeld horten. Dadurch werde ich massive Probleme bekommen, meine Firma ruinieren und  versagen.

Wieso das?

– Das ist mein Lebensplan.

Aber sie sind doch glücklich verheiratet. Gibt das keinen Rückhalt? Wie sieht denn die Familienplanung aus?

– Nein, das ändert nichts und es wird keine Familienplanung geben. Ich werde in einem Anflug von Größenwahn meine Frau belügen und betrügen. Die Ehe wird zerbrechen.

Sie werden also scheitern auf ganzer Linie, obwohl die Ideen genial und Sie, wie man sagt, sehr fleißig sind? Warum?

– Weil mein Erfolg nicht richtig ist. Ich habe ihn nicht verdient. Deshalb bestrafe ich mich.

Wofür genau bestrafen Sie sich?

– Ich habe meinen Eltern die Zukunft versaut. Sie wollten kein Kind mehr, ich war ihr größter Fehler. Sie haben es schon immer gewusst.

Was genau?

– Dass ich nichts tauge, nie etwas wird aus mir. Sind wir mal ehrlich. Einen solchen Kerl kann man auch nicht lieben. Kein Happy End. So jetzt muss ich weiter. Ich danke für das Gespräch.

Ich bedanke mich auch. Auf  meine letzte Frage kann ich nun verzichten.

– Wie lautete die? Ich bin neugierig.

Wie fühlt es sich eigentlich an, das ungeliebte dritte Kind zu sein?

 

 

10 Gedanken zu “(K)ein Interview

  1. Klasse !
    Genau der Fahrplan.
    Du warst als Kind schon Scheiße!

    Am Ende der Verluste, des Scheiterns, kommt die Stunde der Wahrheit.
    Kapitulation und vielleicht Vergebung. Ihnen und mir selbst.
    Daran zerbrechen oder aus den Trümmern etwas neues machen.

    Grüße !

    Gefällt 2 Personen

  2. Es ist ein feiner Grad –
    Zu verstehen wo man her kommt, sich aber nicht darauf auszuruhen

    Es geht aber noch tiefer…

    Meiner Erfahrung nach
    (ich kann immer nur von mir reden)
    Ändert „verstehen “ halt eben auch ganz genau gar nichts

    Ich hatte lange schon meine Geschichte verstanden und die meines Vaters und die meines Großvaters auch

    Trotzdem stand ich hilflos neben mir und sah mich machen und konnte es nicht ändern

    Die Störungen liegen in tieferen Schichten
    und nur wenn wir unsere Geschichte ändern, neu gestalten – und wo es sein muss auch die unserer Eltern und Großeltern –
    Dann können wir neu werden und anders denken und handeln
    Das in Kombination mit Heilung eines kaputten Nervensystems und Heilung der Löcher in unseren Grenzen –
    Das waren bei mir die drei Faktoren – bei anderen Menschen mag es anders sein –
    Ist der einzige Weg , den ich gefunden habe in gut 50 Jahren –
    Zum glücklich sein indem ich nu doch noch der Mensch sein kann, als der ich ursprünglich gedacht war anstelle des Menschen zu dem ich gemacht wurde

    Alles Liebe ❤💚❤💚❤

    Gefällt 5 Personen

      1. Das wird wohl nicht passieren, denn mit dem Unterbewusstsein kann man kein Interview führen. Wenn ich allerdings bei dem Befragten statt der laut ausgesprochenen, meist belanglosen Antworten dies Unterbewusstsein hören würde, dürfte ich das wirklich schreiben. Er/Sie sagt…, ich höre ….? Wundert es dich sehr, wenn ich erkläre, dass mir das bisweilen in Gesprächen passiert und mich nicht selten verstört?

        Gefällt 1 Person

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