Der Palazzo

Oft schon habe ich mich gefragt, was besonders junge Menschen – überwiegend Männer – dazu bringt, maßlosem Profit hinterher zu jagen, kein Leben, so wie ich es definiere, zu haben. Tag und Nacht am Rechner auf der Suche nach dem ultimativen Geschäft, der Megarendite. Ohne einen Gedanken dafür erübrigen zu können, dass gerade die spekulativen Megdeals so viel Unheil anrichten, wichtige Lebensmittel verteuern, Menschen um ihre Häuser bringen usw.  Wenn die eigene Kraft nicht ausreicht, wird der Konzentration mit allen möglichen Mitteln nachgeholfen. Auch wenn diese dem Körper dauerhaften Schaden zufügen. Das ist ihnen durchaus bewusst. Ich kenne einige dieser Menschen. Nein, eigentlich kenne ich sie nicht, sie sind mir nur bekannt durch Gespräche oder Beobachtungen auf Veranstaltungen. Nur einen kenne ich wirklich als Freund eines Sohnes. Oft ist die Geschichte dahinter relativ banal. Geld war innerhalb der Familie immer schon wichtigstes Gesprächsthema, Konsum diente zur Selbstdarstellung und Definition des eigenen Wertes. Manche Kinder übernehmen das, andere tun genau das Gegenteil. Geschichte beendet. Aber es muss auch andere Gründe geben. Ursachen, die tiefer liegen, weit zurückführen, oft aus Schmerz geboren. Einen dieser anderen Gründe könnte die folgende Erzählung liefern.

 

„Tommaso führte der Weg seit vielen Jahren beinahe täglich an dem Palazzo vorbei. Fast jeden verdammten Tag seit seinem siebten Geburtstag, nach dem das gewohnte Leben des kleinen Jungen mit einem Schlag vernichtet worden war. Zwangsläufig während der Schuljahre, weil eine Ausweichstrecke zu lang gewesen wäre. Freiwillig, jedoch gleichsam einem Zwang gehorchend, während seiner beruflichen Entwicklung. Eine Ausnahme von dieser Gewohnheit bildeten lediglich jene Monate, die er auf einer anderen Schule und später berufsbedingt im Ausland verbracht hatte. In all diesen Jahren trieb Tommaso, der mittlerweile zu einem Mann herangereift war, ein Gedanke an, der sich tief in seine Seele eingebrannt hatte und längst zu seinem Lebenszweck geworden war: „Das ist mein Haus, mein Zuhause! Ich werde es mir zurückholen.“

Und nun war es ihm endlich gelungen, ausreichend Geld zu verdienen, um den mittlerweile leer stehenden Palazzo zu erwerben. Lange Zeit hatte er sich Sorgen gemacht, das Haus könne zum Verkauf stehen, bevor er die finanziellen Mittel zur Verfügung hatte. Schließlich war ihm bei seinen Besuchen klar geworden, dass dieses Anwesen nur noch sehr selten genutzt wurde. Er hatte deshalb den Immobilienmarkt der Stadt ständig im Blick gehabt und Kontakte zu den ortsansässigen Maklern geknüpft. Auch die Möglichkeit einer Finanzierung hatte er für den Notfall ins Auge gefasst und vorbereiten lassen.

Letztlich hatte sich jedoch herausgestellt, dass es ein ganz anderes Problem gab. Dieser Mann, sein ehemaliger Vater, machte überhaupt keine Anstalten zu verkaufen. Tommaso hatte daher einen Vermittler losgeschickt, um anonym ein großzügiges Angebot zu unterbreiten, denn jeder Mensch hatte seinen Preis, bei dem er schwach wurde. Doch erst die dritte Offerte mit einer maßlos überzogenen Summe brachte den Erfolg. Dennoch fühlte Tommaso sich als Sieger, er hatte Geld genug und sein Ziel erreicht. Den ganzen Vormittag über war er so aufgeregt gewesen, dass er viel zu früh zu dem Termin aufgebrochen war, der sein Leben wieder in den natürlichen Zustand versetzen, das erlittene Unrecht wieder ausgleichen sollte.

Niemals würde Tommaso den Tag vergessen, jenen denkwürdigen Geburtstag, an welchem der Vater nach dem Frühstück der Mutter im Beisein der Kinder mit unbeweglichem Gesichtsausdruck eröffnete, dass er sich von ihr trennen würde und sie das Haus verlassen müsse. Er wolle hier so schnell als möglich mit seiner neuen Frau leben. Die Mutter saß versteinert auf ihrem Stuhl und sagte kein Wort. Während die beiden kleineren Schwestern, Gina und Susanna, noch nichts von dem begriffen, was da soeben gesprochen worden war und lieber zum Spielen nach draußen liefen, fing es im Kopf des Jungen an zu arbeiten.

Als erstes versuchte Tommaso zu begreifen, dass der Vater seinen Geburtstag wohl völlig vergessen hatte. Ging das überhaupt? Wie kann man den Geburtstag des eigenen Kindes nur vergessen? Dass Papa von einer „neuen Frau“ sprach, brachte das Weltbild des Jungen noch stärker ins Wanken. Er hatte doch eine Frau und das war Mama. Wozu brauchte er dann eine neue? Etwas Neues holte man sich nur, wenn Dinge kaputt waren. Was stimmte denn mit Mama nicht, was hatte er verbrochen? Die Väter seiner Freunde hatten alle auch nur eine Frau, immer dieselbe, nicht eine alte und eine neue. Also, Antonios Eltern lebten nicht zusammen, aber das war nur, weil der Vater in einem fremden Land arbeitete. Das konnte Tommaso verstehen, es war eine logische Folge nachvollziehbarer Umstände. Antonio und seine Mutter hatten auch nicht das Haus verlassen müssen. Und wie sollte sich Tommaso das denn vorstellen –„das Haus verlassen“ – wohin? Warum wusste er ja: die neue Frau wollte rein, also musste die alte mit den Kindern raus. Aber hatten sie denn noch ein anderes Haus, wo sie jetzt einziehen konnten? Na ja, Mama würde das schon regeln, aber gemein und ungerecht war es trotzdem.

Ohne es zu merken, war der Junge die ganze Zeit unaufhörlich im Kreis herum gelaufen. Die Mutter saß nicht mehr auf ihrem Stuhl, sie hatte den Raum irgendwann verlassen. Er war nun ganz allein im Esszimmer. Der runde Tisch mit den noch verpackten Geschenken stand farbenfroh im Raum herum, gerade so als habe sich überhaupt nichts verändert. Tommaso würde sie niemals anrühren. Er fühlte sich unsicher, eine Ahnung von drohendem Unheil sowie den unausweichlichen Veränderungen seines kommenden Lebens schnürten ihm den Hals zu. Eine furchtbare Angst hatte das Kind erfasst.

Um sich irgendwie zu beruhigen lief Tommaso zu seinem Geheimversteck, einem uralten ausgehöhlten Busch – eigentlich waren es sogar mehrere ineinander gewachsene Büsche – am äußersten Ende der Gartenmauer. Den Eingang zu dieser Höhle kannte nur er allein. Dort war es warm und gemütlich, und es hatte sich bisher noch jeder Kummer nach einiger Zeit aufgelöst. Abwartend, dass es auch dieses Mal geschehe, legte er den sorgenschweren Kopf auf die verschränkten Arme und schloss die Augen. Dann kamen die Tränen.

Nach einer halben Ewigkeit löste sich das Kind aus der Erstarrung. Die Angst war nicht verschwunden, eher hatte sie noch heftiger von ihm Besitz ergriffen. Aber der Junge hatte eine Entscheidung getroffen. Dieser Mann, der ihn und die gesamte Familie verriet, war nicht mehr sein Vater. So einen Vater brauchte man nicht. Er wollte ihn niemals mehr wiedersehen. Seinetwegen konnte er auf der Stelle tot umfallen, dachte Tommaso noch, während er mühsam die Tränen unterdrückte, die ihm erneut in die Augen stiegen. Langsam kroch er aus seiner Höhle hervor und blickte sich hoch konzentriert den Garten und den Palazzo an. Alle Pflanzen, die warmen Farben der Mauern in der Abendsonne, jedes einzelne Fenster und jede Tür nahm er sorgsam in seinem Gedächtnis auf, um nur ja nichts davon je zu vergessen. Vielleicht würde er sein Zuhause ja niemals wiedersehen.

In dieser Nacht, die auf ein stummes Abendessen mit der noch immer bleichen, sprachlosen Mutter und den Schwestern folgte, schlief der Junge schlecht. Er wurde von ständig wechselnden Albträumen geplagt. Am nächsten Morgen packte die Mutter mit der Hilfe der Dienstmädchen die Koffer der Kinder – ihre eigenen Taschen standen bereits auf dem Kiesweg vor der Tür. Nein, Tommaso wollte seine Geschenke nicht mitnehmen. Die gehörten nun nicht mehr zu ihm. Dann kam ein Taxi, nahm die Vertriebenen mit sich und fuhr sie erst einmal zu den Großeltern. Dort blieben sie bis zur letzten Woche der Sommerferien.

Die ersten Tage dort waren noch von Traurigkeit überlagert – Mutter weinte, Großmutter weinte, der Großvater brummte unwillig vor sich hin. Dann aber wurde für die Kinder doch noch ein schöner Urlaub daraus, fast genauso wie in den Sommerferien der vergangenen Jahre. Tommaso vergaß seinen Kummer beim Fischen und Baden in der Bucht und die kleinen Schwestern begriffen eh noch nicht so richtig, was geschehen war. Irgendwann jedoch waren auch diese Ferien vorbei, gerade als sich das Leben wieder halbwegs normal anfühlte.

Die Veränderungen waren gewaltig und schockierend, besonders für Tommaso. Nicht nur, dass sie sich zu viert in einer winzigen, lauten Wohnung in einer Stadtrandsiedlung zusammen drängten, der Junge musste nun auch auf eine andere Schule gehen. Dort gefiel es ihm schon aus Prinzip nicht und er machte jede Menge Ärger. Er verspottete die neuen Schulkameraden und schlug bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu. Weder gutes Zureden noch Bestrafungen konnten an diesem Verhalten etwas ändern. Nachdem die verzweifelte Mutter zum wiederholten Male wegen eines solchen Vorfalls beim Direktor erscheinen musste, versuchte sie herauszufinden, warum ihr Junge sich so verändert hatte. Auf Befragen antwortete Tommaso kurz und störrisch, dass er wenigstens seine alten Schulkameraden zurück haben wolle, wenn schon alles andere weg sei.

Seine Mutter hatte begriffen, dass der große Schmerz des Jungen es ihm unmöglich machte, die gegenwärtige Situation zu akzeptieren und er deshalb gegen Alles und Jeden revoltierte. Sie hatte die Hoffnung, dass ihr Sohn zu seinem alten Wesen zurück finden würde, wenn wenigstens einer seiner Lebensumstände erhalten bliebe. Schließlich hatte sie erreicht, dass Tommaso die alte Schule wieder besuchen konnte und das Schulgeld aufgrund seiner bisher sehr guten Leistungen durch einen staatlichen Zuschuss mehr als halbiert wurde. Nach einer erfolgreich bestandenen Bewährungszeit von anstrengenden sechs Monaten voller Angst war Tommaso endlich sicher, auf seiner alten Schule bleiben zu dürfen.

Natürlich war es auch um die alten Freunde gegangen, aber den wahren und wichtigsten Grund für seinen Widerstand gegen die neue Schule hatte der Junge seiner Mutter nicht verraten. Die alte lag nämlich nicht weit von seinem Palazzo entfernt und nun musste er seinen Schulweg so wählen, dass er jeden Tag dort vorbeikam. Seine größte Sorge in der ersten Zeit nach der Vertreibung war, er könne vergessen, wie es vorher gewesen war und die Bilder seines Zuhauses würden verblassen. So fuhr er nun am Morgen zuerst mit dem Bus, dann mit einem Vaporetto bis zu der Anlegestelle, die am nächsten beim Palazzo lag. Von hier aus waren es nur noch 15 Minuten zu Fuß zum Schultor.

An manchen Tagen, wenn er früh genug dran war, lehnte Tommaso für einige Minuten den Körper ganz dicht an die Gitter des Gartentores. Die kleine Hand tastete nach dem Griff, den er behutsam nach unten drückte. Ging er schließlich weiter, so war es gerade so, als sei er eben von zu Hause losgegangen. Dieses Gefühl erfüllte und beflügelte ihn während der Schulstunden. Es bestärkte ihn ebenso in dem festen Willen, den Palazzo eines Tages wieder in seinen Besitz zu nehmen. Da er zu diesem Zweck viel Geld benötigen würde, entwickelte Tommaso einen fast ungesunden Ehrgeiz und akzeptierte nur die besten Noten.

Nachmittags nach dem Unterricht konnte er sich Zeit lassen, denn seine Mutter arbeitete bis fünf Uhr. Er musste lediglich darauf achten, vor ihr in der Wohnung zu sein. Kam er dann wieder am Palazzo vorbei, sah er ihn sich durch die Gitterstäbe an. Es fiel ihm auf, dass das Gebäude meist unbewohnt wirkte, der Garten verwaist war. Die einstmals so lebendigen Mauern waren nun in einem kalten Grau gestrichen, die Fensterscheiben von schreiend weißen Rahmen gehalten. Auch der Garten hatte sich furchtbar verändert. Aus dem verwunschenen Stück Natur, das die Mutter mit viel Liebe angelegt hatte, war ein pflegeleichtes Terrain mit nur wenigen blühenden Pflanzen geworden. Das würde er alles wieder ändern, schwor sich Tommaso.

Doch seine Buschhöhle ganz hinten in der Ecke war nicht vernichtet worden, bemerkte er eines Tages voller Freude. Und so kam es, dass er sich vorsichtig durch die Stäbe quetschte, sobald er davon überzeugt war, dass sich niemand im Haus befand, und sich in sein Versteck setzte, um in seinen Schulbüchern zu lesen. Bisweilen kam ein alter Gärtner vorbei, um zu gießen oder den Rasen zu mähen, aber Tommaso blieb stets unbemerkt. Als er größer wurde, sich nicht mehr durch die Gitterstäbe zwängen konnte, kletterte er über die Mauer. Unzählige Stunden verbrachte der Junge dort mit Lernen und Nachdenken. Irgendwann war er der Höhle entwachsen. Das machte aber nichts, denn er lernte nun lieber in der Bibliothek der Stadt, wo er alle Bücher zur Verfügung hatte, die er für sein Ziel benötigte.

Tommaso war bewusst geworden, dass er eine große Summe benötigen würde, um den Palazzo zurück zu kaufen. Seine weiteren Überlegungen ergaben, dass er diese am schnellsten mit einer Tätigkeit an der Börse würde verdienen können. Da er über ein ausgezeichnetes mathematisches Verständnis und eine schnelle Auffassungsgabe verfügte, sollte das nicht allzu schwierig werden. Im Alter von 12 Jahren begann Tommaso, die Börsenberichte zu studieren. Er versuchte zu verstehen, was das Fallen oder Steigen der Kurse auslöste und bemerkte, dass sowohl politische Ereignisse als auch Forschungsergebnisse einen Einfluss auf Kursbewegungen hatten. Genauso häufig bewirkten jedoch auch Ankündigungen von Firmenübernahmen sowie Gerüchte über wirtschaftliche Entwicklungen enorme Verschiebungen. Folgerichtig las er nun auch alle Berichte über Politik und Wissenschaft, oft bis mitten in die Nacht hinein.

Seine Mutter beobachtete das mit wachsender Sorge. Eigentlich sollte ein Junge in seinem Alter doch auch Fußball spielen und anderen Interessen gemeinsam mit Freunden nachgehen, anstatt immer nur ernst über Büchern und Zeitungen zu brüten. Wenn sie ihren Sohn jedoch dazu ermuntern wollte und ihn angstvoll vor einer bevorstehenden Erschöpfung warnte, so lachte er nur und sagte: „Mach dir doch nicht so viele Sorgen. Ich hatte noch nie viel Spaß an diesen Dingen, sondern will etwas Großes für uns erreichen. Du wirst schon sehen!“

Einige Jahre später, Tommaso war nun bereits 15 Jahre alt, nahm seine Schule an einem Börsenwettbewerb einer deutschen Bank in Venedig teil. Natürlich meldete er seine Teilnahme an und begann umgehend voller Eifer mit wohl überlegten Spekulationen. Innerhalb von zwei Monaten war das zur Verfügung gestellte Kapital auf das Fünffache angewachsen. Überflüssig zu erwähnen, dass Tommaso diesen Wettbewerb gewann. Die Siegesprämie belief sich auf 2.000 €, die erst einmal auf einem Sparkonto landeten. Nun war er vollends davon überzeugt, dass dies sein Weg war.

Am Tage des mündlichen Abiturs wurde Tommaso 18 Jahre alt und bekam von seinem Vater per Post einen Scheck über 5.000,00€, die er zuerst wieder zurück schicken wollte, zu sehr war er verletzt worden von diesem Mann. Dann jedoch sah er das Geld einfach als eine kleine Wiedergutmachung für die erlittenen Qualen an und nicht als Geschenk. Auf diesem Umweg in der Bewertung konnte er die Zuwendung annehmen, ohne sein Gesicht zu verlieren, ohne zu verzeihen und vor allen Dingen ohne auf das Geld zu verzichten. Denn längst schon waren Geld und dessen schnelle Vermehrung zum zweitwichtigsten Inhalt in diesem jungen Leben geworden.

Der Plan für die Zukunft stand. Nun musste er ihn allerdings noch seiner Mutter mitteilen, die sich schon Hoffnungen auf ein angesehenes Studium und eine Karriere ihres Sohnes als Arzt oder Jurist machte. Er legte sich die Worte eine Nacht lang sorgsam zurecht und eröffnete ihr am nächsten Abend, dass der Besuch einer Universität in seinem Falle nur Zeit- und Geldverschwendung bedeuten würde. Sein bester und kürzester Weg, Karriere zu machen, sei eine Banklehre, um Investmentbanker zu werden. Dass auf diesem Gebiet sein herausragendes Talent liege, habe er schließlich schon bewiesen. Er beabsichtige, diese Fähigkeiten ohne Umwege einzusetzen und schnell die erste Million zu machen. Dann könne er sowohl das Leben der ganzen Familie erleichtern als auch die Zukunft der Schwestern absichern. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Mutter schweigend zugehört. Als Tommaso jedoch fortfuhr, er habe seit jenem Wettbewerb den Kontakt zur Bank gehalten, ein Vorstellungstermin sei bereits vereinbart, und er wolle auch schon damit beginnen, mit seinem eigenen Geld zu spekulieren, wurde sie unerwartet zornig.

Was ihm einfiele, dermaßen überheblich zu sein und etwas so Wichtiges einfach über ihren Kopf hinweg zu entscheiden, herrschte sie ihren Sohn an. Schließlich habe sie all die Jahre ihre eigenen Bedürfnisse zurück gestellt und unentwegt hart gearbeitet, um ihm die Schule zu ermöglichen. Da habe sie doch wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden! Und das Ersparte werde schon gar nicht angetastet für solche windigen Geschäfte! Er überschätze sich wohl völlig, wenn er das Verlustrisiko für sich ausschließe. Außerdem brauche sie seine Unterstützung nicht. Bis jetzt habe sie gut für alle gesorgt und sie beabsichtige, das auch weiterhin zu tun! Nach diesem ungewohnten Ausbruch, aus dem Enttäuschung und Wut sprachen, stand die Mutter abrupt auf und verließ den Raum.

Wie war das denn jetzt geschehen? Warum hatte die Mutter ihn nur so fürchterlich missverstanden? Er hatte seinen Vortrag doch so vorausschauend geplant. An welchem Punkt hatte er einen Fehler gemacht? Diese Gedanken gingen dem jungen Mann durch den Kopf, während er unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte. Also musste er am nächsten Tag noch einmal versuchen, seine Mutter zu überzeugen.

An seiner Entscheidung würde diese Szene nichts ändern, aber Tommaso wollte keinen Streit zwischen sich und seiner Mutter. Er bewunderte sie für ihre Stärke. Sie hatte doch bisher immer volles Vertrauen zu ihm gehabt. Der Gedanke, zwischen ihnen könne nun etwas zerbrochen sein, schmerzte ihn. Vielleicht kam sie ja noch einmal zurück? Ab das tat sie nicht und so ging auch Tommaso nach einer Weile vergeblichen Wartens in sein Zimmer. Dort grübelte er angestrengt weiter, welche besseren Argumente er anführen könne.

Einige Zeit später unterbrach ein zaghaftes Klopfen an der Zimmertür seine Gedanken. Offensichtlich hatte auch die Mutter das Bedürfnis, die Situation zu entschärfen, denn ohne ein „Herein!“ abzuwarten, stand sie schon im nächsten Moment vor ihrem Sohn. Etwas zu heftig sei sie ihn wohl angegangen, meinte sie bedauernd. Natürlich wisse sie, dass er nun volljährig sei und über seine Zukunft allein bestimmen dürfe. Sie sei einfach nur besorgt dass er durch ein riskantes Manöver seine Zukunft gefährden könne. Auch im Bankgeschäft sei es von Vorteil, ein abgeschlossenes Studium vorzuweisen. Sie wolle ihn nur darum bitten, noch einmal ganz intensiv das Für und Wider abzuwägen. Danach werde sie jede Entscheidung akzeptieren. Nach diesem Gespräch umarmten Mutter und Sohn sich erleichtert. Tommaso fiel bald darauf in einen traumlosen Schlaf.

Zwei Monate später begann der junge Mann seine Banklehre und arbeitete sich im Laufe weniger Jahre konsequent, aber auch kompromisslos nach oben. Bereits während dieser Lehrzeit, die er nach zweieinhalb Jahren mit der Bestnote abschloss, konnte er mehrmals für einige Wochen in den Abteilungen für Geldanlagen assistieren. Also eigentlich durfte er ziemlich lange nur stumm und möglichst unsichtbar beobachten, bis ihm zum ersten Mal gestattet wurde, eine Anlagestrategie zu entwerfen. Von seinen Ideen, die er mit großem Selbstvertrauen vortrug, war man beeindruckt. Er hatte sich dadurch die Zustimmung erworben, sich an den Abenden nach seiner regulären Arbeitszeit weiterhin dort aufzuhalten und wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

Die Berufsschule langweilte Tommaso, er erfuhr dort nichts Neues. Dadurch zogen sich die Stunden oft unerträglich in die Länge. Der einzige Vorteil bestand darin, dass er für die Tests nicht lernen musste. Diese gesparte Zeit verwendete er zum Erstellen eines Aktionsplanes, um seine privaten Mittel zu optimieren. Darüber hinaus las er Biografien über Shootingstars und Legenden der Investment- und Hedgefondswelt. Diese bestätigten Tommaso in seiner Einschätzung, dass mathematische Vorstellungskraft, Intuition und praktische Erfahrung weitaus wichtiger waren als ein wie auch immer geartetes Studium.

Er agierte und reagierte schnell und geschickt und bescherte auf diese Weise sowohl seiner Bank als auch sich selbst hohe Gewinne. Einige Aufenthalte in London waren zwar aufregend und lehrreich, aber es zog ihn immer wieder in die Lagune zurück. Tommaso beherrschte die Zahlen und spielte mit ihnen, es hemmten ihn bei seinen Geschäften weder Skrupel noch schlechtes Gewissen. Damit würde er auch nach dem Kauf des Palazzos nicht aufhören, obwohl Arbeitsphasen von vierundzwanzig oder gar sechsunddreißig Stunden Kräfte zehrend waren. Einige Pillen und weißes Pulver halfen in solchen Perioden, die Konzentration hoch zu halten, was zum Erfolg unabdingbar war. Das Glücksgefühl oder besser ausgedrückt das Gefühl der absoluten Überlegenheit nach einer gelungenen Transaktion war berauschend und durch nichts zu ersetzen, zumindest bis zum heutigen Tage nicht.

Allerdings hatte Tommaso erwartet, dass die Rückeroberung des Palazzos ähnlich starke Empfindungen auslösen würde. Nicht zuletzt deshalb war er so zeitig aufgebrochen. Er wollte die Wartezeit nutzen, um sich ungestört seiner Vorfreude hinzugeben. Doch je länger er wartete, umso mehr veränderten sich seine Gefühle. Er war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob er das hier eigentlich noch wollte. Wie konnte das sein? Hatte er doch sein ganzes bisheriges Leben auf diesen einen Augenblick ausgerichtet. Reglos, mit hängenden Schultern, stand Tommaso im Paradies seiner frühen Kindheit und wartete auf den Makler. Vollkommen leer fühlte sich der junge Mann jetzt und konnte kaum dem Impuls widerstehen, einfach davonzurennen.

Eine aufkommende Übelkeit veranlasste ihn, sich auf eine Steinbank zu setzen. Unendliche Traurigkeit besetzte das Herz des jungen Mannes, während er sichtbar gequält seinen Blick über den Garten und das wundervolle Gebäude wandern ließ, in das er während der vergangenen Jahre so oft in seiner Phantasie wieder eingezogen war. Die freudige Erregung des Vormittags war vollkommen ausgelöscht, hatte den Platz frei gemacht für die lange unterdrückten dunklen Erinnerungen und unerwünschte Gedanken. War sein Platz wirklich noch hier an diesem Ort, der ihm auf einmal seltsam fremd erschien? Unfähig, eine Entscheidung zu treffen, blieb Tommaso auf der Bank sitzen. Körper und Geist waren wie gelähmt.

Lange war sein Blick starr auf den kleinen Balkon über der Terrassentür gerichtet, auf dem der kleine Junge an seinem letzten Abend vor dem Auszug voller Rachegedanken über den Garten hinweg auf die Lagune geblickt hatte. Gerade als er den Blick abwenden wollte, um sich aus dieser schmerzvollen Erinnerung zu lösen, sah er einen großen Flecken des grauen Putzes abfallen. Darunter erschien ein Stück der sommerwarmen alten Ockerfarbe. Nicht etwa ein Wunder, sondern nur die Erdanziehung, die Zeit oder ein Verarbeitungsfehler hatten das bewirkt. Und dennoch: schlagartig wusste Tommaso wieder, was er wollte. Alle Zweifel hatten sich mit einem Mal in Luft aufgelöst.

 

 

18 Gedanken zu “Der Palazzo

  1. Die Geschichte ist mir zu lang zum lesen
    (sagte ich, glaub ich, schon mal – hab ein paar Jahrzehnte lang ein paar tausend Bücher gelesen und seit ein paar Jahren die kaum-lese-Phase)

    Aber zu dem Eingangs-Text –

    Macht – Hackordnung – das Recht des Stärkeren
    Triebfeder : Angst
    Der verzweifelte Versuch, Kontrolle zu erlangen
    Tief im Inneren wissend – das Leben ist nicht kontrollierbar
    Folge: noch mehr Angst – noch mehr Wahnsinn
    Teufelskreis
    Hamsteread
    Bis zum Umfallen
    Zack 😊
    Wer Glück hat fällt um solang er noch lebt
    Für die anderen kommt das böse Erwachen beim Sterben

    Zu spät- gehen Sie nicht über Los , ziehen Sie nicht 4000 Euro ein

    Brutal – genauso brutal wie diese Menschen leben

    Gefällt 1 Person

  2. Eros versus Agape, erst wenn beide „im Herzen“ vereint, sind die Schatten der Dualität integriert. Männer, vor allem junge, sind vorwiegend (vertikal) vom Eros angetrieben, wollen erobern, immer höher immer weiter … u.s.w. Frauen von Agape (horizontal) d.h. Zuwendung, Kommunikation, Verbundenheit … u. s. w. das mal in Einfachheit, es natürlich komplexer. „Ausnahmen bestätigen die Regel. Spannender Text übrigens 😉 und Gruß.

    Gefällt 2 Personen

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