Annäherung

Lena und Tobi kommen sich näher, die ersten Missverständnisse/Irritationen sind ausgeräumt, weitere werden sicher folgen.

 

„Manchmal glitt die Situation in eine Richtung, die beiden als zu schwer erschien. Deutlich wurde das, wenn sie sich gegenseitig so fest hielten, dass es schmerzte. Dann schwenkten sie instinktiv zu einfacheren Gesprächen über oder sie überbrückten sie mit Albernheiten und Witzen.

Auch konnte es vorkommen, dass Tobi ihr sagte, wie sehr er sie mochte und dann seltsame Botschaften in ihr Ohr flüsterte. Worte, deren Zusammenhang sie nicht verstand, auch nicht verstehen wollte. Sie fragte nicht nach. Tobi merkte schnell, wenn Lena Zusammenhänge nicht an sich heranlassen wollte und verzichtete auf geheimnisvolle Andeutungen.

Lena erzählte viel von der Schule, in die sie gerne ging und von zu Hause, wo es selten eine echte Familie gab, sobald der Vater nicht da war. Von den vielen beklemmenden Situationen und wiederkehrenden Streitereien. Wie sie durch Vereine versuchte, so wenig Zeit in der elterlichen Wohnung zu verbringen wie möglich. Dass sie ihr Dorf so sehr vermisste und sich ausgebürgert fühlte – eigentlich überall. Das glückliche Leben und ihre liebsten Menschen verloren an jene, die dort Geburtsrecht hatten. Nicht dass ihr das ungerecht vorkam. Es erschien ihr natürlich folgerichtig, unausweichlich – ihr Schicksal eben. Aber weh tat es dennoch. Nirgends wirklich zugehörig, überall geduldet nur für eine kurze Weile. Dieses Grundgefühl vom Beginn des Denkens an, dass ihr immer wieder alles genommen würde. Selbst das konnte Lena schildern, je näher sie sich kamen. Zu keinem Zeitpunkt hatte sie Angst, sich dadurch zu entblößen oder im nächsten Moment verletzt zu werden.

Ganz ähnlich schien es auch Tobi zu gehen. Wenn er über das quälende Heimweh sprach, das ihn im Internat so oft überrollte. Wie er gehetzt in Freistunden die Höhen hinaufrannte, um vom Gipfel aus die Heimat zu sehen. Wohl wissend – na klar, mit siebzehn -, dass es ihm nicht gelingen konnte. Außerdem war da ganz hinten verborgen diese allgegenwärtige Angst, wen es in dieser Generation von den Jungen treffen würde. Dann, ja dann schnürte sich Lenas Hals zu und die Tränen standen ihr in den Augen. ´Armer, armer Junge`, dachte sie ein übers andre Mal. Irgendwie hatten sie wohl beide ihren Fluch zu tragen. Dann wischte sie ihm die blonden Strähnen aus dem zu Boden gesenkten Gesicht und strich ihm tröstend über den Kopf.

Im nächsten Moment schon konnten sie jedoch herzhaft lachen und in hemmungsloser Albernheit sich lustig machen über so manche peinliche Situation, in die sie selbst sich gebracht hatten. Das Leben war schön und schrecklich zugleich. Noch aber standen ihnen alle Wege offen. Und so mancher Fluch war schon gebannt worden durch gemeinsamen Mut.

Wenn immer es möglich war, trafen sie sich nach den offiziellen Spaziergängen der Jugend später noch in der Scheune. Sowohl danach als auch dann, wenn es nicht klappte, kam Lena nicht in den Schlaf. Sie brauchte neue Lektüre. Deshalb hatte sie sich von ihrem Taschengeld zwei Bücher über Andreas Hofer gekauft, auf dessen Namen sie überall stieß. An Straßenschildern, Brücken, Hotels und Standbildern. Von Tobi hatte sie erfahren, dass er der berühmteste Freiheitskämpfer Tirols war, der die Anbindung Südtirols an Italien hatte verhindern wollen. Wäre ja auch gelacht, wenn sie keine Texte gefunden hätte, bei denen sie sich erneut über Unterdrückung und Gewalt erbosen konnte, ja musste.

Hand in Hand und Schritt für Schritt teilten sie an den Abenden ihre Ängste, Sorgen, aber auch hohe Erwartungen an die Zukunft. Sie wollten beide viele Kinder, ein Leben vorwiegend auf dem Land. Tobi natürlich bei sich zu Haus. Als Pilot? Alles machbar – irgendwie. Und Lena? Die wollte am liebsten auch gar nicht weg von diesem Ort, was natürlich nicht durchführbar war. Zumindest noch nicht. Aber da Lena sich auf jeden Fall eine eigene Heimat für sich finden und auch selbst eine Familie aufbauen musste, die ihren Maßstäben entsprach, warum dann nicht an dem Ort, der sich bereits jetzt tief in ihr Herz gegraben hatte? Na ja, es war nur eine Sache von wenigen Jahren, bis sie endlich würde für sich allein entscheiden dürfen. In der Zwischenzeit würde sie das Lachen, den Ernst, Offenbarungen, Momente, Umarmungen und Küsse dieser Tage mehren und sammeln. Sie sorgsam in ihrem Inneren verwahren und davon zehren, um sich eine Oase in der Gefühlswüste ihrer ungeliebten Kleinstadt zu erschaffen. Für ein Jahr müsste das ausreichen. Denn dann kämen sie wieder. Das stand schon fest.

Die Zuneigung der beiden war natürlich nicht unbemerkt geblieben. Annegret besah sich die ganze Entwicklung eher skeptisch, wenn auch in keiner Weise unfreundlich. Flori hingegen ließ durchblicken, dass er den Geschmack seines Bruders durchaus teilte und klopfte ihm mehrfach lachen auf die Schulter. Er schien sich ehrlich zu freuen. Langsam kam Lena auch Franzi näher. Zumindest sah diese sie nicht mehr so kritisch und misstrauisch an. Während einer von Vaters Kollegen warnte, er müsse nun besser aufpassen auf seine Tochter, meinte der Vater selbst zu Lena: „Ihr habt euch wohl sehr gern? Hör nicht auf das Gerede, ich vertraue dir. Leider müssen wir bald wieder fahren. Aber wir kommen ja im nächsten Jahr wieder.“

Lena war schon klar, worauf der Spruch mit dem Vertrauen abzielte – ungefähr jedenfalls. Das Thema Blumen und Bienchen, in einem Bett schlafen und so weiter. Ihr Thema war das aber nicht. Mit jemand anderem als ihrer kleinen Cousine ein Bett zu teilen, konnte sie sich gar nicht vorstellen. Der bloße Gedanke war schon unangenehm genug. Sie hatte auch zu keiner Zeit ins Bett ihrer Eltern gewollt.

Währenddessen begann Lenas Mutter zu deren Verdruss, Tobi ständig zu belagern und in Gespräche zu verwickeln, die natürlich allesamt von ihr selbst handelten. Diese Frau konnte einfach nicht anders. Sie musste sich immer in den Vordergrund schieben. Am meisten ärgerte sich Lena darüber, dass Tobi daraufhin die Mutter so toll fand, weil sie ja schon so viel in ihrem Leben geleistet hatte und eine gefeierte Künstlerin war. Da musste irgendetwas völlig an Lena vorbeigelaufen sein.

Zwar malte Lenas Mutter seit kurzem und machte einen Fernkurs im Malen, der jedes Bild mit einem Zertifikat mit goldenem Rand belohnte. Auch waren ihre Bilder recht schön. Aber es war ein Hobby, zumindest bis jetzt. Ein Hobby, für das Lena und ihr Vater gesorgt hatten, nachdem die Mutter nach einer Gallenoperation und tausend selbst diagnostizierten Krankheiten, verbunden mit einem gewaltigen Tablettenkonsum, in zunehmender Unzufriedenheit zu versinken drohte. Sie hatten etwas finden wollen für sie, das ihr Spaß machte. Das war auch gelungen. Eine unangenehme Erscheinung dieser Entwicklung war jedoch, dass die Frau nun meinte, sie male besser als alle Impressionisten und die Bilder von Picasso, van Gogh, Dali und anderen glaubte abfällig beurteilen zu müssen. Das war so peinlich! Ach ja, was hatte sie zu Lenas heftiger Verliebtheit zu sagen gehabt? „Du weißt, dass wir in vier Tagen wieder fahren. Das ist nur eine Schwärmerei, die vergeht. Der ältere Bruder erbt das Hotel. Daraus wird sowieso nichts, weil wir evangelisch sind und sie hier streng katholisch.

Lena staunte immer wieder über die Gedankengänge ihrer Mutter. Sie erwiderte nichts darauf. Sah keinerlei Veranlassung, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Schließlich war sie gerade dreizehn. Es war ganz allein ihre private Angelegenheit. Was interessierte es Lena, wer das Hotel erbte? Außerdem sollte daraus gar nichts werden. Es sollte einfach sein, wie es war, nicht mehr. Das war genug und es war schön. Das ganze religiöse Zeug war ihr auch egal. Schade, dass ihre Beziehung nicht länger im Verborgenen geblieben war.

 

 

 

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