Und doch!

Man hat mich gewarnt. Es nicht zu tun. Den zweiten Teil, die Auflösung als Beitrag zu bringen. Es könnte sonst jemand kopieren und weiter verbreiten. So denke ich mir nun: na und? Solange es nicht unter einem anderen Namen geschieht, soll es doch verbreitet werden. Da die Erzählung im Rahmen des Romans eh veröffentlicht ist, wäre das unter anderem Namen ja illegal. Auf Rat Dritter schreibe ich schon immer dazu: veröffentlicht in…. Nervt mich übrigens auch. Und wenn die Erzählungen einigen helfen, zu verstehen, sich mit den eigenen Erfahrungen zu versöhnen, dann ist das doch etwas Gutes.

Außerdem haben es diejenigen, die sich an den „Zorn meines Vaters“ herangetraut haben, verdient, nun auch dies zu lesen. Auch ohne sich das E-Book runterladen zu müssen. Und deshalb mache ich das jetzt.

Einige Dinge habe ich noch zu Lebzeiten erfahren, z. B. die Sache mit dem Tod des Großvaters, das Karusselerlebnis, die Lehre. Anderes habe ich später von einer Tante erzählt bekommen.

Der Schmerz meines Vaters

Ein kleiner Junge – völlig aufgelöst in Tränen – versteht die Welt nicht mehr. Schlimmer noch, seine Welt hat einfach aufgehört zu existieren. Unter Schluchzen packt er seine paar Sachen in die alte Tasche. Mama wird ihn wegschicken! Hatte sie das wirklich gesagt? Dabei waren sie doch so gut miteinander gewesen. Jedenfalls in der Zeit, als sie noch zu zweit zusammen gelebt hatten. Er hat doch immer alles getan, was von ihm erwartet wurde. Selbst als der Stiefvater hart in sein Leben getrampelt war mit seiner groben, lauten Stimme, hatte er sich widerstandslos gefügt, wohl wissend, dass er sie sonst sehr traurig gemacht hätte. Mutter und Kind waren eine so viel bessere Familie gewesen als liebe Mutter, sehr, sehr strenger Vater und Kind.

Und warum gerade jetzt? Es schien ihm doch alles leichter geworden zu sein, nachdem vor zwei Jahren die kleine Schwester geboren war. Er liebte sie so sehr, passte immer auf sie auf und spielte gerne mit ihr. Wie oft hatte der Junge dafür seinen Schulkameraden abgesagt. Nur seine Botengänge, mit denen er etwas Geld dazu verdiente, erledigte er noch gewissenhaft in seiner schulfreien Zeit. Mama musste in den letzten Monaten auch gar nicht mehr so oft mit dem Mann streiten. War es vielleicht wegen der Kirche? Wegen des Religionsunterrichtes, zu dem er heimlich gegangen war? Das hatte der Stiefvater nämlich strikt verboten – die Kirche, den Unterricht, das Beten und auch das Singen waren nachdrücklich unter Strafe gestellt. Ein lautstarkes Geschrei während einer der vergangenen Nächte fällt ihm wieder ein. Einige Wortfetzen hatte er verstehen können: nur Blödsinn, zu nichts zu gebrauchen, zu wenig zu essen, beschlossene Sache.

Mutter ruft. Er soll jetzt kommen, die Tasche und den Ranzen mitbringen. Sie will ihn nun fortbringen. Die Schwester bleibt beim Vater, wird er sie jemals wiedersehen? Der Abschiedsschmerz presst das kleine Herz zusammen, der Mann hat die Kleine so fest auf seinem Bein umklammert, dass keine letzte Umarmung mehr sein kann. Na gut, dann geh ich und ich will euch ja gar nicht mehr haben.

Schweigend laufen Mutter und Sohn zum Bahnhof. Mama muss ständig die Nase putzen, ihre Augen sind ganz rot. Erst während der Bahnfahrt beginnt die Mutter zu sprechen. Sie versucht das Unerklärliche zu erklären, sagt, es werde ihm nun viel besser gehen und sie wolle ihn auch ganz oft besuchen. Ihre Stimme zittert. Der Großvater, die Tante und der Onkel würden ihn gut behandeln und zusammen mit ihren eigenen Kindern aufziehen. Ja, sie tut das alles nicht freiwillig, soviel versteht der Junge, aber sie tut es. Hat sie denn keinen eigenen Willen? Viel mehr hört er nicht von ihren vielen Worten, der Kopf ist einfach zu voll und will nicht mehr. Ein dichter Vorhang hat sich vor seine Augen gesenkt. Bevor sie aussteigen, steckt die Mutter ihrem Jungen noch ein Foto zu, das einzige, das sie heimlich hatte aufbewahren können vom richtigen Vater. Das Kind kann sich nicht mehr erinnern an ihn, weiß nur, er starb im letzten Krieg. Also hat Mama ihn wenigstens noch lieb. Jetzt fühlt er auch wieder die warme Hand, die die seine fest umfasst.

Der Großvater holt sie beide mit dem Fuhrwerk ab. Die große Familie wohnt auf dem Dorf und bewirtschaftet einen kleinen Bauernhof. Das Haus ist nicht sehr groß, doch Großvater meint, wenn Platz ist für sieben Kinder passt auch noch ein achtes hinein. Seine freundlichen Augen gefallen dem Jungen. Die Tante nimmt ihn an der Hand und zeigt ihm sein Bett bei den drei Cousins. Die vier Cousinen teilen sich ebenfalls ein Zimmer.

Dann wird gegessen. Gesprochen wird bei Tisch nicht viel. Ganz langsam isst der kleine Gast. Er versucht, den Augenblick so weit wie möglich hinaus zu schieben, vor dem er nun wieder schreckliche Angst hat: Mama muss nach dem Essen wieder zum Bahnhof und zurück fahren. Plötzlich geht alles ganz schnell. Eine letzte Umarmung und bevor er in Kummer versinken kann, ziehen die Geschwister den Neuankömmling schnell zu den Ställen. Hier gibt es so viel zu bestaunen: Kühe und Kälbchen, Ziegen, Hühner und Schweine. Später laufen die Kinder noch zum Fluss und baden dort, bis die Abendglocke läutet.

Am Abend ist der kleine Junge so erschöpft, dass er in einen dumpfen, traumlosen Schlaf fällt. Der erste Hahnenschrei weckt ihn im Morgengrauen und der tiefe Schmerz des Verlassenen übermannt das Kind erneut. Aber dieses Mal mischt sich heißer Zorn darunter und ein Entschluss erwächst daraus. Er würde alles vergessen, was hinter ihm lag und hier ein neues Leben beginnen. Und verzeihen würde er den Verrat niemals, niemals, niemals!

Von nun an ist alles anders, genau besehen sogar wirklich viel besser, wäre da nicht im Hintergrund diese dunkle Erinnerung. Die kommenden Jahre verfliegen immer schneller, manchmal bekommt er noch Besuch von Mutter und Schwester, aber es will keine wirkliche Nähe mehr entstehen. In der großen Bauernfamilie ist immer etwas los. Das Zusammenleben besteht aus viel Arbeit, auch für die Kinder, bescheidenen Mahlzeiten, wenig Platz, viel Zuneigung und Vertrauen. Der Junge ist den Cousins und Cousinen gleichgestellt, spürt aber dennoch, dass er nicht ganz hierher gehört. Das stärkste Band besteht zwischen ihm und dem Großvater. Mit diesem verbringt er so viel Zeit wie möglich, in seiner Gegenwart wird er ganz ruhig.

Es ist ein schwüler Sommertag, als beim Heueinfahren die Rechen auf dem Feld vergessen werden. Das Los fällt auf den Ziehsohn, sie zu holen. Solche Aufgaben erledigt er gerne, weil er auf dem Weg ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. In der Ferne sieht er schon die Blitze tanzen, der Wind wird stärker. Er muss sich jetzt beeilen. Als er an den Feldrain kommt, hat es bereits heftig zu regnen begonnen. Es blitzt und donnert, der Gewittersturm ist losgebrochen. Er ist zu spät! Die Rechen sind zerbrochen. Entsetzen packt den Jungen, ein Bild taucht vor ihm auf: Als Jesus starb, zerriss der Vorhang, die Rechen sind geborsten – Opa ist tot. Tatsächlich starb der Großvater an jenem Nachmittag, ein weiterer herber Verlust.

Aber das Leben läuft weiter seinen gewohnten Gang, der Junge wächst heran. Zweimal in diesem Jahr fühlt er sich noch als rechter Pechvogel. Bisweilen bringt er einer alten kranken Nachbarin etwas zu essen hinüber. Bei einem dieser Krankenbesuche wird er vor der Tür von einem fremden großen Hund angefallen und tief in sein Bein gebissen. Die Fleischwunde braucht den ganzen Sommer, um zu heilen. Ein Sommer ohne Schwimmen und Fußball. Kurz vor der Kirmes kann endlich der Verband abgenommen werden. Wenigstens diese Freude ist ihm nicht verdorben! Am meisten freuen sich die Jungen jedes Jahr auf das große Karussell.

In diesem Jahr ist auch er endlich alt genug, um sich eine Menge Freifahrten zu verdienen. Dazu steigen die Knaben auf das Dach und drehen mit voller Kraft das Gefährt. Zwei Stunden hält er durch. Nun kann er endlich selber fahren. Beim Absteigen von dem steilen Dach jedoch geschieht es. Eine unbedachte Bewegung, er stürzt hinunter auf den harten Boden und bricht sich ein Bein. Während der kommenden langen Tage im Bett fragt er sich, ob das nun immer so weiter gehen soll für ihn. Er entscheidet sich dagegen.

Bald bricht das letzte Jahr in der Dorfschule für ihn an und man muss darüber nachdenken, welchen Beruf der Junge ergreifen soll. Er war immer ein sehr guter Schüler, besonders das Rechnen ist ihm leicht gefallen. Wohingegen seine handwerklichen Fähigkeiten eher kümmerlich ausgeprägt bis gar nicht vorhanden sind. So fällt die Entscheidung auf eine kaufmännische Ausbildung. In einem großen Kaufhaus der Hauptstadt erhält er eine Lehrstelle. Die Lehre beendet er mit Erfolg, Spaß gemacht hat sie ihm keine Sekunde. Er fühlte sich ständig erniedrigt durch die Menschen, die sich alles zeigen ließen und nichts kauften, oder verhöhnt durch diejenigen, die an Allem etwas auszusetzen hatten, und er verachtete jene, die ständig ihre Meinung änderten oder gar keine zu haben schienen. So kommt es ihm gar nicht in den Sinn, diesen Weg weiter zu beschreiten.

Er ist nun ein kräftiger junger Mann, der niemandem mehr Rechenschaft schuldig ist, er schmeckt die Freiheit und sucht das Abenteuer. Als er zum Wehrdienst einberufen wird, erscheint ihm die Zukunft vielversprechend und es lässt sich auch gut an. Nach der Grundausbildung wird er zu einer Einheit nach Böhmen versetzt. Sein Leben fühlt sich trotz der Strenge und des Drills so leicht an wie nie zuvor. Die Überheblichkeit und der Sadismus einiger Vorgesetzter prallen an ihm ab, er ist nicht mehr zu brechen.

Abgesehen von den Manövern ist diese Zeit geprägt von ausufernden Trinkgelagen, Kartenspielen bis zum Morgengrauen, wöchentlichen Tanzvergnügen, und gutem böhmischem Essen. Diese Lebensweise lässt das lange unterdrückte leidenschaftliche Temperament des Mannes hervorbrechen und er nimmt von allem, so viel ihm geboten wird. In der Gesellschaft der Kameraden fühlt er sich zu Hause und wohl gelitten. Er ist der Stärkste von allen und meldet sich zu den schwierigsten Aufgaben.

Den ersten Regimentsball in der Kleinstadt erwarten alle voller Aufgeregtheit. Am Eröffnungsabend sieht er zum ersten Mal die Tochter des Kommandanten und verfällt ihr sofort. Nie zuvor ist ihm solche Schönheit begegnet. Sie steht unter einem Lichterbogen in einem weißen Kleid, das übersät ist mit kleinen Blüten, das dichte schwarze Haar ist locker zusammen gebunden. Eine Hand hat sie in die Taille gelegt, stolz wirft sie den Kopf in den Nacken. Zart und kraftvoll zugleich scheint sie ihm, biegsam, doch unbeugsam, einfach wunderbar. Alles verspricht sie ihm in diesem einen Moment, jedoch ohne ihn überhaupt wahrzunehmen. Sie sonnt sich in der Bewunderung einiger Offiziere, die sie umringt haben, er bleibt im Schatten eines Baumes, um unbemerkt weiter zu staunen. Ein weiterer Offizier betritt die Bühne, an seinem Arm verschwindet das zauberhafteste Geschöpf der Welt im Ballsaal.

Eine halbe Ewigkeit vergeht, bis der Geblendete sich von dem Baum lösen kann. Er sucht sie in allen Räumen und glaubt schon, sie sei nur seiner Phantasie entsprungen, da sieht er sie wieder – tanzend in einem Kreis von klatschenden Männern, die sie unverhohlen bewundern. Und wie sie tanzt, wild und fern jeder Form und Etikette, wodurch sie dem jungen Soldaten noch reizvoller erscheint. Aber weder Gelegenheit noch die Kühnheit, sie anzusprechen ist vorhanden. Mehrere Kameraden kommen vorbei und schleppen ihn zu einem Kartentisch. Für die kommenden zwei Stunden kann er sie vergessen, dann ist der Sold fast vollständig verspielt.

Erneut macht er sich auf die Suche, er kann nicht anders. Als er sie dieses Mal wiederfindet, bietet sich ihm ein völlig anderes Bild. Mit vor Zorn blitzenden Augen streitet sie an der Bar mit einem jungen Leutnant. Als dieser laut auflacht, schlägt sie ihm ihren Handschuh ins Gesicht. Die Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt den Wortwechsel amüsiert verfolgt hatten, wenden sich erschrocken ab. Der Offizier ringt mit der Fassung, dreht sich abrupt um und verlässt die Szene. Etwas verloren, aber immer noch wütend, steht die junge Frau mit zusammen gekniffenen Lippen reglos da. Fängt sie etwa an zu weinen? Er muss etwas tun. Also nimmt er all seinen Mut zusammen, geht auf sie zu und grüßt sie freundlich. Sie sieht ihn erstaunt an, lächelt dann, erwidert den Gruß und nimmt seinen Arm.

Dieser Vorfall ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte. Die folgenden Wochen verlaufen mehr oder weniger wie bei allen heißblütigen Paaren. Zwar können sich die Beiden nur dann ungestört treffen, wenn es ihr gelingt, sich heimlich oder unter einem Vorwand fortzuschleichen, aber sie ist überaus erfinderisch. An manchen Tagen ist sie sehr launisch. Sie bricht dann einen Streit vom Zaun und verschwindet bereits nach wenigen Minuten wieder. Danach will sie ihn erst einmal nicht sehen. Beim nächsten Treffen ist alles wieder vergessen. Er kann ihr nichts nachtragen und ahnt wohl, dass er sie einfach so nehmen muss.

Knapp drei Monate später eröffnet sie ihm, dass sie ein Kind erwartet und die Schande fürchtet. Nach dem ersten Schock ist er überglücklich und beschließt, sie so schnell wie möglich zu heiraten. Nachdem er bei ihren Eltern um ihre Hand angehalten hat, ist er erleichtert und erstaunt zugleich, dass diese trotz des Standesunterschiedes ohne Zögern ihr Einverständnis zur Hochzeit geben. Vier Wochen später findet die Hochzeit statt. Es ist ein großes und fröhliches Fest. Lediglich die spöttischen Glückwünsche seiner Kameraden verwirren den Bräutigam etwas. Doch er hat keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, er hat jetzt bald eine Familie. Sicher spricht nur der Neid aus ihnen. Schließlich ist die schönste Frau der ganzen Gegend nun seine Ehefrau.

Nach den Flitterwochen tritt der junge Ehemann seinen Dienst wieder an. Erneut bemerkt er Tuscheleien hinter seinem Rücken. Noch ignoriert er diese. Es sind kaum vier Monate vergangen, als die Tochter zur Welt kommt. Eine Frühgeburt, so heißt es. Als er am Abend mit seinen Kameraden die Geburt des Kindes feiert, erreichen zu später Stunde abfällige Bemerkungen und geschmacklose Witze über das „Sechsmonatskind“ ihren Höhepunkt. Schließlich kommt es zu einer wüsten Prügelei. Als der gekränkte Mann an deren Ende eine Entschuldigung fordert, lacht man ihn aus. Was ist hier los? Nun erfährt er es. Seine Frau hat anscheinend Liebschaften mit dem halben Regiment gehabt. Jetzt will er alles wissen. Er findet keinen Grund, das Furchtbare anzuzweifeln, zu genau sind die Beschreibungen. Sie soll sogar bereits schwanger gewesen sein, als sie sich auf ihn einließ. Bestürzt und angeekelt, voll brennender Scham läuft er die ganze Nacht im Freien umher, versucht, seine Gedanken zu ordnen. Am nächsten Morgen stellt er die Frau zur Rede, die kaum leugnen kann. Aber das Kind sei von ihm, beteuert sie. Er glaubt ihr längst nichts mehr. Sein Entschluss steht fest.

Die Ehe wird annulliert, die Vaterschaft urkundlich verneint. Der Mann lässt sich versetzen zu einem weit entfernten Regiment. Ein harter Panzer hält das gebrochene, schmerzende Herz zusammen, das einfach nicht aufhören will zu schlagen, obwohl doch alles verloren ist. Als das Regiment an die Grenze versetzt wird und der Zweite Weltkrieg beginnt, empfindet er das als Erlösung. Er überlebt und vergisst.

Ein Schnitt ist ein Schnitt. Ab einem gewissen Punkt gibt es für den Mann keine Rückkehr. Nur manchmal, ganz manchmal, als er längst schon wieder Frau und Kind hat und ein zufriedenes, erfolgreiches Leben führt, fragt er sich im Geheimen, was, wenn dieses Kind damals doch sein Kind gewesen ist? Dann hätte er ihm bitter Unrecht getan. Aber er kehrt niemals um.

12 Gedanken zu “Und doch!

  1. Du beschreibst die Dinge wie sie sind, ohne persönliche Wertung oder Emotion und doch spürt jeder Leser heraus, wie du selbst dazu denkst. Und so muss meiner Meinung nach Literatur sein. Klingt alles ein wenig wie die Zusammenfassung eines großen Romans dostojewskischen Ausmaßes, weil man ja die Zeitlücken in Gedanken ausfüllt wie man auch das Leben der Soldaten etwa kennt und da jede Beschreibung nur ein Zuviel wäre. Die tiefere Psychologie wird jedem Leser ohne Erklärung sofort emotional evident: Es werden hier tief prägende Ursachen sichtbar wie etwa in Büchners Woyzeck, der anhand von Literatur nicht versucht einen Mord zu verharmlosen, sondern etwas anderes versucht im Leser wachzurufen, nämlich:

    VERSTEHEN.

    Verurteilen ist nämlich ein leichtes Ding, aber sich emotional und voller Empathie in einen anderen Menschen reinzudenken, das fehlt vielen Menschen. Aber nur dann ist möglich, was unser größtes Sakrament ist:

    VERZEIHEN.

    Ganz starkes Kino einer großen Frau: Ich verneige mich vor dir in Ehrfurcht und ich weiß nicht, ob ich selbst diese Größe zum Verzeihen in mir trage, aber ich hoffe es, denn Verzeihen und Aussöhnen mit der Vergangenheit bedeutet auch, die Wut ad acta legen und wieder befreit leben ohne Hass, der doch nur Energie frisst und dich selbst auffrisst. Danke. LG PP ❤

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    1. Wow, das ist aber mal ein Kompliment. Danke dafür.
      Wie oft hab ich schon früh mein Umfeld genervt, wenn ich bei bitterlichen Beschwerden über andere die Position oder Umstände des Widersachers erklärt habe. Man kann dann auch des Guten zu viel tun, denn verstehen darf nicht unbedingt dazu führen, alles zu entschuldigen und sich selbst demontieren zu lassen. Ich habe einige Zeit und eine Ehe gebraucht, um das zu begreifen bzw. zu verlangen, dass jeder Erwachsene für seine Taten einsteht.

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      1. Sagte ich ja am Beispiel Büchners: Er wollte nicht entschuldigen den Mord, sondern verstehen und Verstehen bedeutet wirklich nicht entschuldigen. Büchner war Arzt und wollte auch die Psyche erforschen und das kann man nur, wenn man in die Psyche eindringt. Ich selbst bin auch sehr interessiert an der Psyche von Psychopathen. Nach neuster Forschung ist bei jenen der Hirnbereich für Emotionen unterentwickelt oder fehlt total. Psychopathen verfügen nicht über Mitgefühl, kennen weder ein Gewissen noch Reue. Das ist traurige Tatsache. Aber nicht alle werden straffällig. Die meisten verhalten sich unauffällig und passen sich an, weil sie merken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Psychopath zu sein ist kein Straftatsbestand, ähnlich den Pädos, die niemals übergriffig werden und ihren Trieb im Griff haben. Du kannst ja auch keinen Verurteilen, nur weil er taub oder blind ist. Die Natur ist nicht immer perfekt. Andere haben nen Buckel oder ein zu kurzes Bein .. Man darf eben nicht zum Serienmörder werden, dann ist alles klar

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      2. Und obwohl ich den Woyzeck kannte und ich denke auch verstanden hatte, kam es doch zur totalen Fehleinschätzung im persönlichen emotionalen Bereich. Wohl war auch ein Teil Selbstüberschätzung dabei. Dachte ich doch, mit ausreichend Zuwendung, Bewusstmachen und Nachsicht tiefe Verletzungen heilen zu können. Dabei weiß mit dem Kopf doch jeder, dass man den eigenen Partner nicht therapieren kann. Schön blöd. Es ist aber nicht nur der Kopf beteiligt. Als mir dann auch noch klar wurde, dass Veränderung gar nicht erwünscht war, weil ja so alles bestens und nach Wunsch funktionierte, habe ich umgehend einen Schnitt gemacht.

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      3. Das ist natürlich traurig für alle Betroffenen, aber interessiert mich sehr. Allein die Frage. ob man jemanden ändern kann durch standige Zuwendung und Aufopferung. Dein Mann war eventuell Borderliner, mein zweites Interessengebiet. Ja, der Mann meiner Mutter war ähnlich geartet – mein Vater – und sie dachte, sie könnte ihn ändern, aber die Scheidung kam, als ich 12 Jahre alt war. Mein Vater, ein Egoist, der rücksichtslos sein Leben lebte, ohne Mitgefühl für andere. Das sind verlorene Jahre, nier helfen zu wollen ..

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