Planänderung (und ein wenig von Lena)

Eigentlich war an diesem Wochenende Almfest im Kaisergebirge angesagt. Sicher hätte ich einiges an schönen und lustigen Erlebnissen schildern können. Doch manchmal kommt es anders. Damit kann ich umgehen – aus alter Gewohnheit sozusagen. Dann eben ein ander Mal. Freu ich mich halt nächstes Wochenende oder übernächstes.

Am Mittwoch nach dem Unterricht nämlich ein Anruf meiner Mutter. Sie war von einem Insekt gestochen worden. Innerhalb weniger Stunden war der gesamte Arm angeschwollen. Allergische Reaktion. Also zum Arzt – Spritze, Medikamente für zu Hause. Essig-Umschläge auf ärztlichen Rat. Donnerstag – Arm noch dicker – Hand und Finger ebenfalls angeschwollen. Nach der Schule wieder zum Arzt – Verdacht auf Vergiftung – Thrombosegefahr -Spritze, neue Medikamente. Freitag erste leichte Verbesserung. Aber an Wegfahren nicht zu denken. Mittlerweile geht es ihr wieder besser, wenngleich noch nicht alles abgeschwollen ist.

Also habe ich den Sonntag zum Schreiben genutzt und bin mit den Fortschritten recht zufrieden. Lenas Erinnerung durchläuft Urlaub und erste Liebe, die sie verändert haben. Sie  streift fünf weitere Jahre, in denen sie zwischen den jährlichen Besuchen bei Tobi ihr Leben lebte. Jahre, die erst zu stärker werdender Nähe und Anziehung führten, schließlich aber doch schleichend eine Entfremdung bewirkten. Bis sie auf den Mann traf, der zu ihrer großen Herausforderung werden sollte.

Hier biete ich noch einen weiteren kleinen Einblick in diesen Urlaub:

 

Tobi begleitete Lena nach oben. Nein, er sollte nicht mit hineinkommen. Sie war zu müde, zu glücklich und musste nachdenken. Es war doch so ein schöner Abend gewesen.

„Ja gerade deswegen doch.“

„Was, deswegen? Es war perfekt und jetzt kann man es nur noch verderben.“

„Wieso verderben? Alle feiern da unten. Niemand würde uns stören. Wir könnten uns weiter unterhalten und den Abend nur noch verbessern, verschönern. Ich will jetzt eigentlich nicht gehen. Hab auch noch so viele Fragen, mehr als vor diesem Abend. Komm schon! Was sagst du?“

„Ich sag nö. Perfekt hat keine Steigerung. Das ist rund für heute und Ende. Was ist denn deine wichtigste Frage?“

„Können wir das nicht drinnen…? Ja, schon gut. Hast du schon viele Freunde gehabt?“

„Nein, keinen einzigen.“

„Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Du wirkst so alt schon – und dann auch wieder gar nicht. Bist du wirklich so?“

Ein direkter, scharfer Blick aus zusammen gekniffenen Augen feuerte direkt auf Tobis Hirn. Mehr Antwort brauchte er jetzt nicht mehr. Kriegte er aber.

„Wenn wir Freunde sind, gehört dazu Vertrauen. Ich hasse Lügen! Und es macht mich wütend, wie eine Lügnerin behandelt zu werden. Du musst mir schon glauben, was ich sage. Sonst will ich dir nichts mehr erzählen. Dann hat das hier keinen Sinn!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat Lena ihr Zimmer und schloss die Tür. Tobi sollte nicht sehen, wie schlecht sie sich plötzlich fühlte. War das jetzt wirklich nötig gewesen? Nur wegen einer blöden Reaktion nach einem sonst doch traumhaften Abend? Dass sie seltsam war, anders eben, dass wusste sie ja. Eigentlich konnte sie ihm nicht übel nehmen, dass ihr Verhalten ihn verwirrte und zweifeln ließ. Sie war in diesem Punkt wohl wirklich zu empfindlich. Darüber musste noch einmal geredet werden.

Lena war sehr unzufrieden mit sich selbst, machte sich mit schmalen Lippen und kantigen Bewegungen bettfertig und lag noch lange wach. Sie führte Selbstgespräche. Testete ein ums andere Mal andere Formen des Dialogs aus. Das tat sie immer, wenn sie sich über ihre Reaktionen geärgert hatte. Weil sie oft so viel härter ausfielen, als sie es wirklich fühlte, ihre Stacheln meistens automatisch ausfuhren und ihr Verhalten beherrschten. Ja, sie hätte bessere Sätze sagen können. Leider fielen sie ihr oft erst hinterher ein. Aber sie würde das regeln, vielleicht sogar ganz offen schildern, wie sie sich fühlte. Morgen. Und auch, wie doof sie sich oft selber fand.

Was für ein Urlaub! Erst zwei Tage vergangen und schon so viel erlebt. Es war spannend, es war aufregend. Und eigentlich auch weit mehr schön als ärgerlich. Jeden Abend neue Heimlichkeiten. Sie würde jetzt nicht schlafen können. Ihr Kopf glühte. Endlich, nach Jahren der Starre geschah etwas Wesentliches in Lenas Leben und brachte sie voran auf ihrem Weg – wohin auch immer. War ja auch gar nicht so wichtig. Hauptsache, es änderte sich was.

Plötzlich gab es da jemanden, der sie gern hatte und völlig neue Gefühle in ihr weckte. Erstaunt, fast schockiert, hatte sie festgestellt, dass sie auch eine ganz zarte, anlehnungsbedürftige Seite hatte. Sie hatte Zutrauen gefasst und bereitwillig ihre Abwehrmauer ein wenig verkleinert. Das hatte sich gut angefühlt und sie würde es sicher nicht gleich wieder zerstören.

Lena würde Tobi bestimmt nicht alles erzählen. Nichts musste er wissen von ihren Mutproben, ihrer häufigen Verzweiflung, der oft genug lebensgefährlichen Suche nach einem Beweis dafür, dass ihre Existenz nicht bloß ein Versehen oder ein derber Witz der Natur gewesen war. Das ging niemanden außer ihr selbst etwas an.

 

Ein Gedanke zu “Planänderung (und ein wenig von Lena)

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