Der Troll

(Veröffentlich in „Kreuzverkehr“.) 

Der Troll war immer schon da, lange vor der Geburt des Kindes. Warum er sich gerade dieses Mädchen ausgesucht hatte, sollte für immer sein Geheimnis bleiben. Vielleicht hatte er es einmal zu weit getrieben, hatte sich zu derb aufgeführt und war daher aus seiner Gemeinschaft ausgeschlossen worden, um sich fortan alleine durchzuschlagen. Oder sehnte er sich nach Jahren der Ruhe und Langeweile mal wieder nach einer rechten Herausforderung? Die konnte er haben! Sollte es ihm darum gegangen sein, so hatte er seine Wahl geschickt getroffen. Nun war es nicht so, dass er dem Menschlein gar nichts anhaben konnte, aber die Gegenwehr war gewaltig.

Zum ersten Mal zeigte sich der Wicht, als das Kind zu laufen und zu sprechen begann. Erste Erkundungen auf zwei Beinen wurden jäh unterbrochen durch kurze hohe Schreie, die das Kleine so sehr erschreckten, dass es zu Boden stürzte. Spätere Kletterversuche waren schon allein durch die Kleiderordnung zum Scheitern verurteilt. Es lief jedes Mal nach dem gleichen Muster ab: Auf dem Bett lag ein völlig ungeeignetes Kleid zum Anziehen bereit, das nach dem Willen des Kindes sogleich durch Hose und T-Shirt ersetzt werden sollte. Der Troll jedoch hielt die Schranktür mit solcher Gewalt zu, dass der Umtausch nicht stattfinden konnte. So musste also dieses unförmige Hängeteil mit Rüschen angezogen werden.

Allerdings war Ella, so der Name des Kindes, deshalb noch lange nicht bereit, von ihrem Vorhaben abzulassen, die Bäume am Hang hinter der alten Scheune hinaufzuklettern. Viel zu drängend war das Verlangen nach dem Gefühl von Freiheit, wenn man den Stamm bezwungen hatte und weit über das Land blicken konnte. Auf dem Weg dorthin begann dann meist schon das Unglück. Immer wieder waren Zäune im Weg, die überstiegen werden wollten. Ihnen fiel die erste Reihe Rüschen zum Opfer. Die asphaltierten Wege entlang zu laufen, was gewaltige Umwege bedeutet hätte, entsprach einfach nicht Ellas Natur.

Beim Klettern selbst blieb das Kind ständig an Zweigen und Ästen hängen, es entstanden Risse und Löcher im Kleid, die es jedoch erst auf dem Heimweg zur Kenntnis nahm. Das würde wieder ein furchtbares Theater geben! Dabei war es doch gar nicht ihre Schuld, dachte Ella. Aber glauben würde ihr ja doch niemand, denn außer ihr konnte kein Mensch den Kobold sehen. Dieser freute sich natürlich unbändig über den Ärger, der über das Kind hereinbrach. Wild sprang er auf dem Bett hin und her: „Das hast du nun davon! Wärst du mal schön zu Hause geblieben, wie anständige Mädchen das machen! Jetzt mögen sie dich nicht mehr!“, schrie er voller Schadenfreude.

Bald war jedoch das Mädchen stärker als sein Widersacher und konnte anziehen, was immer es für geeignet hielt für seine Unternehmungen. Diese Angelegenheit wurde also durch Heranwachsen erledigt, hatte sich ausgewachsen sozusagen. Andere Vorkommnisse stachen wesentlich tiefer in Ellas Seele, wirkten länger nach, denn so leicht gab der Troll nicht auf. Es gab Bemerkungen, die selbst die erwachsene Frau noch schmerzten und in ihrer Entfaltung behinderten.

Wie alle kleinen Kinder malte Ella gerne farbenfrohe, lebendige Bilder von den Dingen, die sie erlebt oder gesehen hatte. Nach einigem Üben sahen diese Bilder endlich so aus, wie sie sich das vorgestellt hatte. Was tat nun der Troll? Er hielt ihre Hand fest und raunte:“Aber so sieht doch kein Häschen(Vogel Küken usw.) aus! Ich helfe dir mal.“ Dann führte er mit festem Griff die widerstrebende kleine Hand mit dem Stift so lange, bis die entstandene Figur so gar nichts mehr mit Ellas eigenen Vorstellungen zu tun hatte. Nachdem es ihr einige Male auf diese Weise ergangen war, nahm Ella dem Troll auf ihre ureigene Art jegliche weitere Möglichkeit zu derlei Gewalttätigkeiten. Sie hörte einfach auf zu malen und war nie wieder zu ermuntern, freiwillig ein Bild zu erstellen.

Gott sei Dank hatte Ella noch andere Interessen, z. B. liebte sie es, zu singen. Allerdings tat sie das instinktiv meist nur im Geheimen, wenn sie sich, was viel zu selten geschah, einmal ganz alleine und unbeobachtet fühlte oder mit ihrer Großmutter in der Kirche war. An einem strahlenden Sommermorgen, alle anderen schliefen scheinbar noch, lief das Kind hinaus auf die Wiese, reckte der Morgensonne zum Gruß die Arme entgegen und begann, ein fröhliches Lied zu singen. Gleich war der gemeine Kerl zur Stelle und flötete mit – höher, lauter, völlig schief und meinte darauf: „So musst du singen, nur so hört sich das gut an. Jetzt sing mir nach!“ Es versteht sich von selbst, dass nun jede Lust erstickt war. Auch dieses Mal beschloss das Kind, von nun an eben nicht mehr zu singen. Aber es war noch etwas älter geworden und sann darüber nach, wie es die Fremdherrschaft des Trolls beenden oder zumindest einschränken könnte.

Ella hatte festgestellt, dass der Troll zwar das Haus, nicht aber das Grundstück verlassen konnte. Bis dahin war sie davon ausgegangen, dass sie einfach schnell sein und sich verstecken musste, um seiner Anwesenheit zu entfliehen. Das war doch mal eine gute Entdeckung. Also hielt sie sich von nun an noch öfter in Wald und Feld auf als zuvor. Das aber gefiel den Eltern nicht so sehr, die gerne etwas mehr Kontrolle haben wollten. Der Troll frohlockte und lachte Ella aus. Die aber kam nun in die Schule und diese Veränderung eröffnete andere Möglichkeiten, sich mit Vaters Segen aushäusig zu bewegen. Leichtathletik, Fußball, Schwimmklub, Kindergottesdienst.

Dazu mussten die Haare ab, mit langen Locken war das alles viel zu unpraktisch. Engelchen hatte sie eh nie sein wollen. Raspelkurz schnitt die Freundin der Mutter Ellas Haar an einem Nachmittag und wuschelte alles noch einmal mit ein bisschen Gel durch. Das Mädchen war begeistert, das sah schnittig aus und ging morgens schnell. Nie wieder Knoten, nie wieder die Drahtbürste, die ihr fast die Haut vom Kopf zerrte. Mutter schaute erschrocken und stritt mit der Freundin, der Vater lachte und fand es flott.

Abends im Bett, kurz vor dem Einschlafen, nutzte der Troll noch einmal die Gelegenheit, sein Gift zu verspritzen: „Wie du jetzt rumläufst! Klar, das weiß ja jeder, alle hätten sich viel mehr über einen Jungen gefreut. Aber du bist nun mal ein Mädchen. Daran kannst du nichts ändern, ganz egal, was du versuchst.“ Ella stellte sich schlafend, aber sie war kreuzunglücklich über die harschen, kränkenden Worte. Ab morgen würde sie üben, ihm nicht mehr zuzuhören. So wie jetzt wollte sie sich nie wieder fühlen. Dabei hatte sie doch nie ein Junge sein wollen. Sie war, wer sie eben war und wollte als Mädchen all die Dinge tun, die ihr Spaß machten. Das war doch auch gar kein Problem. Am liebsten hätte sie den unverschämten Kerl geschlagen, weil er sie so sehr verletzt hatte. Aber natürlich tat sie es nicht.

Er wusste wohl, dass er zu weit gegangen war, denn in den kommenden Wochen blieb der Troll häufig für längere Zeit unsichtbar. Ella vermisste ihn nicht. Ihre Tage waren ausgefüllt, die Schule machte ihr Spaß und beim Schwimmen und bei Turnfesten hatte sie schon einige Preise gewonnen. Ab und zu nur zeigte sich der Wicht, schlich wortlos und abschätzend um sie herum. Das Mädchen zeigte sich unbeeindruckt und beachtete ihn nicht. Offenbar fand er keinen Angriffspunkt, so verschwand er wieder.

Eines Tages kam Ella mit einer Deutscharbeit nach Hause, in der sie die Note „gut“ hatte. Plötzlich stand er grinsend und breitbeinig vor ihr und zischte: „Oh, ich gratuliere zur Zwei. Hast wohl einen Fehler gemacht. Oder noch mehr. Hätte ruhig auch eine Eins sein können. Das hat deine Mutter auch gesagt. Ich hab es genau gehört. Sie ist nicht zufrieden mit dir! Dein Vater wird sicher auch sehr enttäuscht sein.“ Ella kniff die Lippen ganz fest zusammen. Sie hatte sich ja selbst schon über ihren blöden Fehler geärgert. Aber sie hatte hören wollen, und sei es auch nur zum Trost, dass „gut“ auch eine prima Note war.

Nach diesem Vorfall strengte Ella sich noch mehr an, die Eltern sollten stolz auf sie sein, das war ihr wichtig. In der Folgezeit hatte sie wieder eine Weile Ruhe vor ihrem Peiniger. Es fiel ihr angenehm auf, dass er jetzt seltener auftauchte. Vielleicht hatte er noch ein anderes Opfer gefunden. Aber das ungute Gefühl, dass er jederzeit aus dem Nichts wieder erscheinen konnte, um sein Netz aus Bösartigkeiten über sie zu werfen, hemmten Ellas Unbefangenheit und Lust auf Neues. Doch mit der Zeit keimte die Hoffnung in ihr auf, dass sie dem Troll eines Tages endgültig entkommen könnte, spätestens sobald sie zu Hause ausziehen würde.

Als Ella zehn Jahre alt war, wollte sie gerne Gitarre spielen lernen. Voller Begeisterung begann sie mit dem Unterricht. Allerdings musste sie zu Hause jeden Tag üben. Und da war er wieder, der Quälgeist. Kaum schlug sie die Noten an, so sang er laut und krächzend schreckliche Soldatenlieder. Das machte es wirklich fast unmöglich, ihn nicht zu beachten. Aber vielleicht hatte er ja schnell genug davon, denn es hörte sich einfach schrecklich an. Die Hoffnung war jedoch verfrüht. Einige Übungsstunden später gab Ella das Gitarrenspiel für immer auf.

Der Troll ließ nicht davon ab, dem Kind möglichst alles zu verderben, was ihm Freude machte, so lange er noch die Macht dazu hatte. Denn es würde der Tag kommen, an dem sein Einfluss der Vergangenheit angehörte, nämlich dann, wenn Ella kein Kind mehr wäre. Erwachsene sehen keine Trolle mehr, hören nicht mehr deren Stimmen. Also musste er alles daran setzen, nicht auch noch aus der Erinnerung vertrieben zu werden. Das gelang ihm recht gut.

Das Mädchen entwickelte im Laufe der Zeit seine Stärken weiter, den unbequemen Widersacher zu übersehen. Nur manchmal meinte es noch, ihn zischen und flüstern gehört zu haben. Das geschah meist in einer Situation, in der es völlig unerwartet durch Misserfolge oder Rückschläge ausgebremst wurde. Dann fragte Ella sich bisweilen auch, warum man ihr ausgerechnet einen Troll zugedacht hatte und nicht eine Elfe. Wollte das Schicksal sie prüfen, vernichten oder stärken? Sie würde es wohl nie erfahren, also wollte sie auch nicht weiter ihr Gehirn mit solchen Fragen verstopfen.

Ein letztes Mal noch sollte der Troll einen Sieg davontragen und durch den eingepflanzten Zweifel seine Rolle in Ella`s späteren Erinnerungen maßgeblich festigen. Ihre erste große Party stand bevor, und natürlich wollte sie an diesem Abend besonders hübsch aussehen. Der Blick in den großen Spiegel im Flur ergab, dass es ihr auch gelungen war. Schwarze, knappe Hose, smaragdgrünes Glitzertop, etwas Silberschmuck – Ella sah schon sehr erwachsen aus. Voll froher Erwartung betrachtete sie zum Abschluss noch einmal ihr Gesicht. Die grünen Augen leuchteten, die Haut sah frisch und rosig aus und die mittlerweile wieder etwas längeren, gewellten braunen Haare glänzten. Noch ein wenig Sonnenpuder auf die leicht gebräunte Haut, Lipgloss – fertig.

Da erschien plötzlich im Spiegel, ganz nah neben Ella`s Kopf, das grinsende Gesicht des Trolls. Er nutzte ihren Schreck und legte gleich los: „Also mal abgesehen davon, dass die Hose zu eng ist und du darin dick aussiehst, deine Nase ist zu breit, deine Augen sind zu klein, die Wimpern zu dünn, die Ohren stehen ab. Und deine Arme sehen aus wie bei einem Preisboxer. Ich frag mich, worauf du dich eigentlich freust!“ Dann verschwand er so schnell, wie er gekommen war. Das saß! Als Ella darauf noch einmal in den Spiegel sah, um sich zu vergewissern, dass der bösartige Wicht sie nur ärgern wollte, war sie fassungslos. Tränen traten ihr in die Augen. Ihr Spiegelbild hatte sich radikal verändert. Nun sah auch sie das Bild, das der Troll beschrieben hatte. Wie konnte das sein? Zwar ging Ella trotzdem aus, aber sie fühlte sich gehemmt und eingeengt. Ihr Selbstvertrauen kehrte erst langsam zurück, als mehrere Freunde ihr bestätigten, dass sie toll aussah.

Tatsächlich verschwand der Troll aus Ella`s Leben, als sie erwachsen wurde. Nun, er hatte sein Werk ja auch vollendet und genügend Spuren hinterlassen, um nicht für immer vergessen zu werden. Die junge Frau sollte nie wieder den Versuch unternehmen, ein Bild zu malen und auch das Singen vor anderen Menschen blieb ihr unmöglich, so sehr war sie überzeugt davon, dass ihr jedes Talent fehle. Das wäre jetzt nicht unbedingt schlimm. Nicht jeder Mensch muss malen oder singen, aber tief in ihrem Inneren vermisste Ella Beides und war tief betrübt über ihre “Unfähigkeit“. Und von Zeit zu Zeit, nicht selten genug, verwandelte sich das Spiegelbild urplötzlich von strahlender Schönheit in ein Zerrbild, in welchem jeder kleine Makel sich unendlich vergrößerte, bis Ella den eigenen Anblick nicht mehr ertragen konnte. Das waren die Tage, an denen man sie, unabhängig von der Wetterlage, nur mit einer großen Sonnenbrille und einem Hut durch die Straßen laufen sah.

11 Gedanken zu “Der Troll

  1. solche gemeinen Trolle hat wohl jedes Kind. Und nicht jedes Kind schafft es, sie zu überhören.

    Aber auch die Erwachsenen können gegen sie angehen, ist zwar recht mühsam, aber es lohnt sich auf jedenfall.
    Ich habe schon seeehr viele Trollstimmen in mir eliminiert 🙂

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  2. Erwachsene sehen keine Trolle mehr, hören nicht mehr deren Stimmen.

    Das stimmt. Was es aber nicht besser macht. Trolle sinken in die Tiefe, beeinflussen unsere Entscheidungen mit den einst erlernten Impulsen und Glaubenssätzen. Bis wir sie aufspüren, wenn wir das durch sie verursachte Leid nicht mehr ertragen können. Uns mit ihnen auseinandersetzen, ihnen selbst und neu gelerntes gegenüber stellen.

    Was auch hilft: Trolle hatten auch einst Trolle. Sie kamen nicht aus dem Nichts, waren nicht von Beginn an destruktiv. Ihre Zeit zu verstehen, hilft Universelles zu verstehen.

    Grüße.

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    1. Durch Aufschreiben kann man sie gut aufspüren und ihre Nicht-Sichtbarkeit aufheben. Dann ist der Bann gebrochen. Immer wieder Neues zu lernen und daran zu wachsen ist in der Tat hilfreich.
      Ja, erkennen und verstehen ist ungeheuer wichtig. Oft wird es leider verwechselt mit entschuldigen, akzeptieren und Nachsicht üben. Wobei letzteres nach Wiederherstellung des Gleichgewichtes schon wieder möglich und auch manchmal ganz heilsam sein kann.

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