Gregor sucht Gitta

Gregor war ganz unglücklich an jenem Morgen. Gitta, seine liebste schneeweiße Gans, war ausgeflogen. Er hatte schon so ein komisches Gefühl, als er aufgewacht war. Aber das gibt es ja schon mal, wenn man schlecht geträumt hat. Doch Gregor konnte sich an gar keinen Traum erinnern. Noch länger rumzuliegen und darüber nachzudenken, war ihm zu langweilig, also stand er geschwind auf. Es war Samstag und gerade mal halb neun. Mama war schon im Geschäft und Papa auf den Weiden, um die Gatter zu reparieren. Die größeren Geschwister kamen oft erst am Mittag aus den Zimmern. Gregor ging zuerst zum Stall, um die Gänse zu füttern und ins Freigehege zu lassen. Das war nämlich seine Aufgabe. Schnell eine Katzenwäsche – samstags gab es immer nur Katzenwäsche -, denn waschen war Gregor nicht so angenehm. Nur nicht unnötig Zeit vergeuden an einem freien Tag.

Danach den Eimer mit dem Futter geschnappt und über den Hof zum Stall. Alle Gänse waren da, nur Gitta nicht. Lag sie vielleicht noch irgendwo im Heu? Gregor rief nach ihr, hatte jedoch kein Glück – Gitta blieb verschwunden. Wie war denn das geschehen? Ausgerechnet an einem Samstag! Da gingen sie doch immer gemeinsam zum See am Morgen. Ganz finster war sein Gesicht schon geworden, als ihm ein guter Gedanke kam. Sicher war sie schon durch die Gitter geschlüpft, weil Gregor ihr zu lange geschlafen hatte. Gitta war die klügste Gans von allen. So musste es gewesen sein. Gewiss war sie trotzig den Weg zum Wasser gewatschelt und schon ein paar Züge geschwommen, während sie Gregor erwartete.

Geschwind rannte der Junge vergnügt den Uferweg entlang, aber Gitta war nirgends zu sehen. Er hatte jetzt endgültig ein ungutes Gefühl im Magen. Aufgeregt durchsuchte er das Schilf – ohne Erfolg. Eine ganze Ewigkeit suchte er verzweifelt nach seiner Gans. Schließlich begriff er, dass er sie nicht finden würde. Niedergeschlagen ging er noch wenige Schritte am See entlang und folgte dann dem Weg zurück zum Hof. Er hatte keine Augen für die Blumen am Wegesrand, hörte nicht den Gesang der Vögel und sah auch nicht die buntgemusterten Flügel der ausgelassenen Schmetterlinge, die über den Sommerblüten des Gemüsegartens flogen. Für Gregor gab es diesen sonnigen Sommersamstag nicht mehr, er hatte sich aufgelöst in Traurigkeit.

Zu Hause angekommen ging er gleich in die Küche und setzte sich an seinen gedeckten Frühstücksplatz. Gregor gelang es nicht, ein Hörnchen mit seinem Lieblingsgelee zu essen. Sein Hals war wie zugeschnürt. Wie lange er dort saß, wusste er gar nicht.

Als die Mutter am Mittag zurückkam, fand sie einen trübsinnigen, zerzausten Jungen vor, Gregor bemerkte ihre Begrüßung kaum. Erst ein lautes Geschnatter riss ihn aus seinen traurigen Gedanken. Unglaublich – Mama hatte tatsächlich Gitta auf dem Arm! Wo hatte sie die Gans gefunden? Was für ein Glück.

Nachdem sie ihm die Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte, erzählte Gregors Mutter die ganze Geschichte. Am Morgen war sie schon den halben Weg zum Geschäft gelaufen, als sie bemerkte, dass Gitta ihr nachgelaufen war. Zum Umkehren war es längst zu spät, deswegen hatte sie die Gans nicht mehr zurück bringen können. Also hatte sie die kleine Gitta mit in ihr Modegeschäft genommen. Dort hatte sich die Gans gleich ein Regal mit Wolltüchern ausgesucht und dort nach gar nicht langer Zeit drei Eier gelegt. Den ganzen Morgen war sie dort geblieben und hatte gebrütet. Die Kunden hatten sich über den ungewöhnlichen Gast im Regal gewundert und geschmunzelt. Mama hatte auch versucht, Gregor anzurufen und zu beruhigen, aber er war ständig unterwegs gewesen. Die drei Eier hatte sie eingewickelt und in einen Karton gepackt. Sie mussten umgehend in den gemütlichen, warmen Gänsestall gebracht werden, damit Gitta ungestört weiter brüten konnte.

Gregor konnte das Gehörte kaum glauben. Er war nur glücklich, dass alles noch einmal gut ausgegangen war. Mama versprach ihm, dass die drei jungen Gänsekinder ebenfalls ihm gehören würden. Nun sollte der schöne Teil des Tages ungestört beginnen,

 

 

11 Gedanken zu “Gregor sucht Gitta

      1. Nein, das liegt eher nicht an dir bzw. nicht an deinen Texten.
        In so unruhigen Zeiten, befeuert von den Medien, ist die Grundstimmung in den meisten eher ängstlich und negativ ausgerichtet und so denkt man eher an ein schlechtes Ende als an ein Happy End.

        Ja, Kindergeschichten sollen Mut machen, sollen zeigen, dass es gar nicht so schlecht ist und dass vieles gut ausgeht.

        Gefällt 1 Person

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