Die Kapelle

Lena erinnert sich an ihren ersten Besuch der winzigen Kapelle bei Sachrang während ihres ersten Urlaubs  und die starken Gefühle, die dieser bei ihr hervorgerufen hat. Sie war am frühen Morgen, als alle anderen noch schliefen, losgelaufen und hatte dort eine ganze Weile verharrt:

„Kaum wagte sie zu atmen. Wie ein Eindringling in fremde Leben fühlte sie sich. In verzweifelte Schicksale, deren Schmerz und Kummer hier im Halbdunkel langsam auf sie zu krochen. Die vielleicht sogar nur in diesem geweihten, sicheren Raum jemals an die Oberfläche kommen durften. Keines dieser Gefühle erschien ihr fremd. Eher waren sie alle vertraut, fast verwandt und nahmen sie in ihrer Mitte auf.“

Einige der Eindrücke hatte Lena mit in ihr späteres Leben genommen, in welchem diese noch immer Einfluss auf ihr Handeln und ihre Urteile hatten. So hatte sie sich stets bemüht, nicht zu werten, schon gar nicht vorschnell und Verständnis für Leben abseits der Normen zu verbreiten. Und sie war bestrebt, die Fragen ihrer Kinder ernst zu nehmen und genau zu beantworten. Nun zu einigen der vielfältigen Empfindungen des jungen Mädchens in der Stille der Kapelle, auch unter dem Einfluss der alten Bücher, die sie über die Bergbevölkerung bereits in sehr jungen Jahren heimlich gelesen hatte:

„Was sie jedoch niemals akzeptieren würde, auch nicht rückwirkend – also für frühere Zeiten -, war das Leid, das man über unzählige junge Mädchen und Kinder gebracht hatte durch dumme Moralvorstellungen, Doppelmoral und ein seltsames, einengendes Menschenbild von Stamm und Apfel. Wie konnte man nur so viel Dreck auskippen über kleine Kinder, die noch völlig unschuldig und für die Umstände ihrer Existenz nicht verantwortlich waren? Die allein durch ihre speziellen Vornamen schon zum Freiwild wurden und ein ähnliches Schicksal erfuhren wie ihre Mütter, oftmals selber noch Kinder. Und immer waren es die Mädchen, denen die ganze Last der Schande aufgebürdet wurde. Das obwohl diese meist völlig unerfahren waren im Gegensatz zu den Männern, die sie verführten und ihnen Gewalt antaten. Und dass die meisten Frauen dabei mitmachten – bei dieser Hexenjagd.

Da war man doch besser gleich tot als so ein elendes Leben zu führen und sein Kind leiden zu sehen. So wenig Lena selbst noch Details solcher Übergriffe kannte, so klar stand es für sie fest, dass nur sie selbst bestimmte, wer sie anfasste. Wer versuchen sollte, dieses Gesetz zu missachten, den würde sie verletzen, nicht zu knapp. So durfte man nicht denken in einer Kirche? Quatsch! Klar durfte man. Die Geschichte der Religionen war voller Androhungen von Vergeltung.

Aber hier passte das wirklich nicht hin, hier wollte Lena gemeinsam mit den Leidenden deren Schmerz tragen. Sie sah wieder die Kleinen vor sich, für die man sich abscheuliche Namensschöpfungen ausgedacht hatte, die dafür sorgten, dass sie ihr Leben lang mit Verachtung, Hohn und Spott überschüttet wurden. Kinder der Sünde! Die wahre Sünde war doch die Anmaßung, dass solche Kinder kein Geschenk Gottes seien. Menschen verachtendes Tun im Namen des Christentums. Dieser Blödsinn mit der Erbsünde, wonach die Kinder bestraft wurden für die Sünden der Väter. Hallo! Bestraft doch gleich die Väter!

Und doch: Zwischen all den Gedanken, die sie zornig machten, dem allgegenwärtigen Schmerz der hier einst Betenden entfalteten sich Trost und Hoffnung in Lenas Körper, breiteten sich wohltuend aus vom Bauch über den Atem zum Herzen, entspannten die Muskeln und landeten schließlich in ihrem Kopf. Sie war nicht mehr allein, ihre Sorgen waren nun nicht mehr so einzigartig. Noch eins war ihr bewusst geworden: Auch wenn ihre Gedanken den Geschundenen nichts mehr nützen konnten, so waren sie dennoch bestimmend für ihr eigenes Leben, so wie sie es leben wollte. Mehr noch als Beispiel dafür, wie sie es auf gar keinen Fall leben würde.

Aber es gab noch viele Fragen. Die Sonne stand noch nicht sehr hoch. So setzte sich Lena noch eine Weile auf einen der Felssteine neben einem riesigen Farn. Sie musste noch ein wenig nachdenken. Wie konnten Menschen solch gnadenlose, vernichtende, bösartige Taten rechtfertigen? Wie wagte man es, sich als christlich und gut zu bezeichnen, wenn man so viel Böses in die Welt brachte? Dachten vielleicht einige, Gott sei mit der Verfolger der Sünder überfordert oder käme seiner Verpflichtung nicht angemessen nach und nahmen daher das Versäumte selbst in die Hand? War es manchmal die Verbitterung über die eigene schlechte Ehe, die Genugtuung forderte, wenn andere sich dieser Verpflichtung einfach entzogen? War es der Neid auf die Jugend allgemein, der Rückblick auf die eigenen verpassten Chancen? Empörung darüber, dass manche ausbrachen und sich Dinge trauten, zu denen sie selber immer viel zu feige gewesen waren? Vielleicht von allem etwas. Und war nicht auch noch in dieser Zeit vieles davon vorhanden? Bei den Kleinbürgern ihrer Kleinstadt auf jeden Fall. Nur war deren Macht nicht groß genug, um so viel Unheil anzurichten.

Erwachsene in solchen Dingen zu befragen, machte erfahrungsgemäß wenig Sinn. Entweder hieß es „Was machst du dir Gedanken um Sachen, die lange vorbei sind?“ oder „Das verstehst du noch nicht.“ Ja was denn nun? Erbsünde oder lange vorbei? Richtig, sie verstand es nicht. Deshalb fragte sie ja. Und was bedeutete noch nicht? Würde die Erkenntnis eines Tages plötzlich über sie hereinbrechen? Oder wurde erwartet, dass sie als Erwachsene sich einfügte und keine Fragen mehr stellte? Da konnten sie aber lange warten.

Außerdem waren diese Ereignisse zwar vor langer Zeit geschehen, jedoch keineswegs vorbei. Nicht ausgelöscht, solange Kummer und Verzweiflung noch so gegenwärtig waren, dass Lena sie hören, riechen und schmecken konnte. So stark, dass es ihr körperliche und seelische Schmerzen bereitete. Die Atmosphäre in dieser Kapelle war der letzte Beweis dafür, dass Empfindungen einen Ort nicht verließen, nur weil die Menschen längst gegangen waren.“ 

 

 

 

 

7 Gedanken zu “Die Kapelle

      1. Ja, das bin ich seit einigen Jahren. In Händen, die mir keine körperlichen Schäden zufügen und dafür gesorgt haben, dass ich das auch selbst nicht tun will. Das klingt jetzt dramatischer als es im Rückblick war, denn ich habe auch körperliche Kräfte mitbekommen, mit denen ich mich ganz gut wehren konnte.Und Standfestigkeit, denn in dem schnellen Wechsel von absolutem Weltschmerz plus Zorn und überbordender Lebensfreude und Lust an der Gefahr sowie der akzeptierten vollen Verantwortung für meine Lieben konnte einem schon manchmal schwindelig werden.

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