Duftendes Heu

Lena hat den siebzehnjährigen Gastwirtssohn schon etwas näher kennengelernt. Am zweiten Abend, dem Abend vor ihrem dreizehnten Geburtstag, klopft er spät an ihre Zimmertür. Aufgeregt hatte sie diesem Augenblick entgegen gesehen.

Tobi nahm sie bei der Hand, lotste sie den Gang entlang, durch eine Holztür an dessen Ende. Dann standen sie in der Scheune. Der Duft des Heus war überwältigend. Lena atmete so tief ein, dass ihr schwindelig wurde. Ihr Herz klopfte stark. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, wurden ihr die gewaltigen Ausmaße des Raumes bewusst. Er zog sie weiter bis zu einem Heuhaufen, auf den durch die Ritzen des Scheunentors in Strahlen das Mondlicht fiel. Dort setzten sie sich nieder.
Er sagte – erst einmal gar nichts. Sie sagte dann – auch nichts. Schweigen. Nicht betreten, eher ein wenig verlegen, ein wenig nachdenklich. Nur sehr langsam kam ein Gespräch in Gang. Nachdem sie sich durch loses Geplänkel über das Heumachen am Nachmittag langsam herangetastet hatten, preschte Tobi mit einer Frage vor, deren Sinn Lena nicht wirklich verstand.
„Hast du eigentlich schon oft Doktor gespielt?“
„Ähm, wenn ich meine Teddys operiert habe, ja. Aber das ist schon lange her. Wofür ist das jetzt von Bedeutung?“
„Für mich. Ich kenn ja noch nicht viel von dir. Wir haben hier oben oft Doktorspiele gemacht. Du doch sicher auch, komm schon! Ist doch nichts dabei. Mädchen woll`n wissen wie Jungs ausschaun und Jungs, wie Mädels gebaut sind. Ganz normal.“
„Ist ja gut, mach doch. Ich weiß aber auch so, wie Jungen aussehen. Dass du mir schon wieder nicht glaubst, was ich sage, ärgert mich. Dann brauch ich ja gar nichts mehr zu erzählen. Ich hab mich so gefreut auf heut Abend. Mal dir halt ein Bild von mir, ich geh jetzt.“
„Nein, bleib! Tut mir leid, aber du bist so ein seltsames Mädel. Ich dachte mir, du hast so einen Plan für jetzt und bist ganz lieb. Aber du lässt dir wirklich gar nichts gefallen. Gefällt mir aber.“
„Warum sollte ich mir auch was gefallen lassen? Das hast du ja nun schon mal verstanden. Glückwunsch! Gut, dass du nicht seltsam bist mit deiner ständig guten Laune, obwohl`s dir gar nicht gut geht. Ach Mann, jetzt schau nicht so bedröppelt.“
„Wow, was für scharfe Krallen! Aber hast schon Recht. Bitte setz dich wieder hin. Ich kann nur selten mit jemandem über alles reden. Wir haben gelernt, dass man immer freundlich ist zu den Gästen und sie nicht mit Sorgen belästigt. So ist das im Hotel. Davon leben wir. Die Leute wollen Urlaub machen und mal die eigenen Sorgen vergessen.
Für unsre Mutter ist das noch viel schwerer. Seit dem Tag, als sie den Vater tot heimgebracht haben, bleiben ihr nur ein paar Stunden in der Nacht für sich allein. Ab sechs Uhr morgens steht sie in der Küche wie immer. Es muss ja weitergehen. Meine unverheiratete Tante hilft ihr halt viel. Meine älteste Schwester Annegret kümmert sich um die Gäste, der Flori ums Vieh, die Weiden, um Fleisch und Wurst und teilweise noch die Alm. Ich helfe in den Ferien. Franzi ist noch klein. Gut, dass noch die Oma da ist und der Simon, unser alter Knecht. Die haben zwischendurch mal Zeit zum Reden.“
„Ich verstehe. Dann war ich wohl etwas blöd eben. Hab nicht richtig nachgedacht. Wie gefällt es dir denn in deinem Internat?“
„Gar nicht. Ich fühl mich eingesperrt. Alles so grau, eng und streng. Aber ich muss ja was lernen und will Matura machen und Pilot werden. Geht alles vorbei. Die Regeln sind hart und wenn ich dagegen verstoße, schreiben sie`s der Mutter. Und dann gibt`s richtig Ärger.“
„Und warum wurdest du dahin geschickt?“
„Meine Mutter ist nicht mehr mit mir fertig geworden. Mir fehlt die männliche Hand, hat sie gemeint. Ich hab wirklich viel Blödsinn gemacht.“
„Zu viel Doktor gespielt?“
„Du bist ganz schön frech, aber irgendwie schon. Ich mag halt die Mädels.“
„Nee, also ehrlich gesagt, tut mir das sehr Leid für dich. Sag mal, ich hab gehört, dass es viele Unglücke gab in eurer Familie. Stimmt das? Hört sich ein bisschen unheimlich an.“
„Das ist auch unheimlich. In unserer Familie stirbt immer ein Mann ganz jung. Der Mann von der Großmutter, der Verlobte der Tante und jetzt der Vater. Er war ja auch noch nicht alt. Manchmal schnürt es mir die Kehle zu und ich denk, bei uns vieren bin ich das. Dann hab ich richtig Angst. Dass mein Bruder stirbt, will ich auch nicht. Aber solche Gedanken bringen ja nichts. Man muss sein Leben führen.“
Je mehr der Strahlemann abbröckelte und sich daneben tiefe Traurigkeit zeigte, desto vertrauter und verwandter wurde ihr Tobi. Lena spürte leise Zärtlichkeit in sich aufsteigen und rückte näher, hielt seine Hand. Von ferne war eine Glocke zu hören. Mitternacht. Toni zog Lena hoch, legte den Arm um sie – und küsste sie. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“ Lena stand wie angewurzelt. Er hatte sie wahrhaftig geküsst. Ihr erster richtiger Kuss. Hurra! Feuerwerk in ihrem Kopf.
Tobi war inzwischen einen Schritt zurück gewichen.
„Ich dachte schon, du knallst mir jetzt eine.“
„Warum denn? Das war doch schön.“
„Du bist ein seltsames Mädel.“
Lachend und kopfschüttelnd zog er sie an sich und küsste sie ein zweites Mal. Dann führte er sie langsam zu ihrem Zimmer zurück und verabschiedete sich. Einen weiteren Kuss gab es nicht, es reichte jetzt. Meinte jedenfalls Lena. Belustigt zog Tobi ab. Lena warf sich auf ihr Bett und ließ den Augenblick immer wieder an sich vorüberziehen. So konnte das Leben also auch sein, leicht und einfach nur schön. Schließlich schlief sie ein, in voller Montur.
Sehr früh am nächsten Morgen wachte sie auf. Lena fror. Das Fenster stand weit offen. Sie hatte sich nicht einmal zugedeckt. Schnell kroch sie unter die Decke zum Aufwärmen. Als es ihr endlich wieder warm genug war, stand sie auf und sah aus dem offenen Fenster. Sie wollte ja vor dem Frühstück noch zur Kapelle laufen. An diesem Tag sah sie in den Spiegel, lachte ihr Spiegelbild an. Sie hatte ihren ersten Kuss bekommen. Und noch einen zweiten. War sie jetzt Tobis Freundin? Das musste sie ihn unbedingt fragen. Was machte man so als Freundin?

 

9 Gedanken zu “Duftendes Heu

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