Vetterwurscht und Hasenbrot

Manchmal werde ich sentimental. Heute ist so ein Tag. Es mag wohl daran liegen, dass Lena gerade ihrem neuen Freund Tobi von ihrer Kindheit auf dem Dorf erzählt. So viele Erinnerungen werden wach – schöne Erinnerungen. Eigentlich kein Grund, um traurig zu sein.

Vetterwurscht nennt man in Nordhessen die großen Ringe frischer Bratwurst, die man am Tag des Schlachtens den Verwandten mitgibt. Manchmal bekomme ich welche mitgebracht. Wenn ich diese – und die rote Wurscht – esse, muss ich immer an meine Großeltern denken, die mir in schwierigen Situationen immer noch fehlen. Oft höre ich dann die Stimme meiner Großmutter, die mir beisteht. Geruch und Geschmack beinhalten beides – Freude und Trauer.

Hasenbrot nannten wir die Brote, die unser Großvater in seiner Blechbüchse wieder vom Bau mit nach Hause brachte. Wir Kinder liebten diesen Geschmack der zerlaufenen Butter, die sich mit dem Brotteig vermischt hatte und der angeschwitzten Wurstscheiben darauf. Die Brote hatten eine ganz besondere Note. Jedes bekam ein Stück ab. Erinnerungen, von denen ich auch meinen eigenen Kindern erzählte.

Eines Tages, Nele war bereits dreimal pro Woche an der Dialyse, verlangte sie nach einer zusätzlichen Brotdose aus Blech für ihr Frühstück. Dort hinein sollte ein zusätzliches Wurstbrot. Ich wunderte mich, fragte aber nicht nach. Sie wusste ja genau, was sie wollte. Am Abend nach ihrer Rückkehr von der Dialyse gab sie mir die Blechdose, strich mir über den Arm und sagte: „Hier Mama, ich hab dir Hasenbrot mitgebracht.“ Es brach ein Stück von meinem Herzen ab. Obwohl selbst in hoffnungsloser Situation hatte sie mir ein so wertvolles Geschenk gemacht. Sie hat mir noch viele Hasenbrote mitgebracht.

So nah beieinander liegen schöne und schmerzliche Erinnerungen manchmal.

 

13 Gedanken zu “Vetterwurscht und Hasenbrot

  1. Bei mir ist es nicht das Hasenbrot sondern die Hessenwurst… ein Symbol in unserer Familien- Geschichte…
    Vor Sentimentalität habe ich auch keine Angst, aber ich hab nen Klatsch weg bei allem was mit Krankenhaus zusammenhängt… deshalb les ich so manche Sachen lieber erst gar nicht
    … damit du verstehst, warum ich manche Posts ignoriere…

    Alles Liebe

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    1. Mach dir darüber keine Gedanken – ich mach`s auch nicht. Zähle auch nicht mit.
      Ein extremes Problem mit Krankenhäusern hab ich auch. Wenn meine Mutter mal wieder meint, sie brauche dringend mit 92 alle möglichen Untersuchungen – und ich muss immer mit – kriege ich Würge- und Erstickungsanfälle. Aber Narzisten stört so etwas nicht.

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      1. Es hätte mich schon fast gewundert, wäre das bei dir nicht so
        Ich hab mir das eingefangen als mein Mann gestorben ist bzw in den Wochen davor und hoffe inständig, dass mein Vater, wenn es soweit ist, einfach plötzlich tot umfällt 😏
        Auch ich dich jetzt mal aus der Ferne ganz herzlich umarme – und dir meine Hoch-Achtung ausspreche für deinen Mut und deine Kraft!

        … man spürt es, dass du durch tiefe Tiefen gegangen bist – durchgegangen, nicht untergegangen – und ich kann nur entfernt erahnen was für ein Weg das war…

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      2. Ich bin dankbar dafür, dass ich die Stärke meiner Großmutter habe, die auch nie den Mut und die Lebensfreude ganz verloren hat. Mein Leben war voller Herausforderungen. Ich wollte nie ein langweiliges Leben – aber nicht so. Man muss halt aufpassen, was man sich wünscht.

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      3. Ich glaube – und das kommt aus meinem Leben heraus… ich hab schon einiges hinter mir und mich manches Mal gefragt „Warum immer ich?“ –
        Es ist eine Ehre
        Je größer die Probleme umso mehr traut uns das Leben zu
        Bei mir war nie Ruhe
        Immer wenn ich eins geschafft hatte und wollte mich mal auf meinen Lorbeeren nieder lassen, kam das Leben wieder an – Los – Aufstehn – Weiter geht’s … und ich bin immer wieder aufgestanden – ich bin nicht liegen geblieben… und hab dadurch aber auch schon einen ganz schön weiten Weg zurück gelegt 😏
        Und nach dem, was ich bis jetzt von dir mitgekriegt habe….
        Scheint mir das bei dir ähnlich…
        Leben für Fortgeschrittene…

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  2. Den Ausdruck Hasenbrot kenne ich wohl,aber nicht aus eigenem Erleben. Allerdings bestand ich darauf, dass meine Mutter mir mein Schulbrot zubereitete, wenn ich montags früh zur Schule fuhr, wo ich bis samstags im Internat wohnte. (in unserer Stadt gab es keine weiterführende Schule). Mein Argument, dass die von ihr zubereiteten Brote eben besser schmeckten, hat sie jedes Mal entwaffnet.
    Die Geste Deiner Nele hat mir gleich wieder die Tränen in die Augen schießen lassen, wie so oft beim Lesen des Nele-Buches. Liebe Grüße Hedwig

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  3. Oh ja, die Hasenbrote hat mein Bruder immer vom Bau mitgebracht….ich habe sie geliebt.
    Bei mir ist es noch der Geruch von frischer Hefe oder frisch gebackenem Hefekuchen, der mich an die Mutter meines Patenonkels erinnert….sie war für mich mehr die Mutter, als meine eigene…da so ganz, ganz anders.
    Hach…jetzt bin ich auch sehr sentimental. *tränchenwegwisch*

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  4. Jetzt hast es geschafft, auch mich sentimental zu machen.
    Mit Deinem Eintrag steigen in mir längst vergessene Bilder aus meiner Kinderzeit hoch.
    Oh ja, auch ich habe mich über das Hasenbrot gefreut. zumal es an manchen Tagen das einzige Essen am Abend war.

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