Zerreißprobe

Bei manchen Berichten komme ich wirklich ins Grübeln oder breche in unerwartete Heiterkeit aus. So geschehen bei einem Bericht, der die großen „Gefahren des Urlaubs für die Beziehung“ thematisierte – mit einer Paarberaterin als Expertin. Sie gab Ratschläge, wie man sich verhalten soll, um einen Nervenzusammenbruch und/oder Trennung nach der „schönsten Zeit des Jahres“ zu verhindern. Natürlich wurde auch die Notwendigkeit einer Paarberatung vor, während oder nach dem Urlaub betont. Dann wäre es doch sinnvoll, diese in die All-Inclusive-Angebote zu integrieren, dachte ich mir.

Es ist ja nun wohl tatsächlich so, dass eine erschreckend große Menge an Beziehungen und Ehen den Urlaub nicht oder nicht auf Dauer überstehen. Weil sie es nicht aushalten, den ganzen Tag zusammen zu sein, weil plötzlich so viel Störendes auffällt. Hä? Die Ursache hierfür sind jedoch meines Erachtens nicht fehlende Paarberatungen, sondern wohl eher falsche oder mangelhafte Gründe für die Entscheidung, eine Beziehung oder Ehe einzugehen.

Ich weiß, dass in eh schon bröckelnden langjährigen Beziehungen der Urlaub und auch die Zeit um Weihnachten und Neujahr oft eine Trennungsentscheidung aus nachvollziehbaren Gründen nach sich ziehen. Bei den im Bericht angesprochenen Paaren jedoch fragte ich mich, warum man mit jemandem zusammen ist, den man nicht einen ganzen Tag ertragen kann und den man offensichtlich kaum kennt. Außer Alter, Herkunft, Bildung, Einkommen – also die Oberfläche.

Aber vielleicht liegt diese Entwicklung auch an zu hohen Erwartungen, ausgelöst durch die Einimpfungen und den äußeren Druck, jeder müsse permanent perfekt, selbstoptimiert, siegreich und eloquent sein. Da ist für Schwächen, die durchaus auch liebenswert sein können, natürlich kein Platz. Oft kommt noch ein steter Machtkampf hinzu, wer das Sagen hat. Warum nicht beide?

Sollte eine Beziehung nicht der Ort sein, an dem man sein kann, wie man ist, sich  unter anderem auch mal fallen lassen und Schwächen zeigen, also ganz Mensch sein kann? Der Platz, an dem man sich gegenseitig stärkt, um in der Außenwelt bestehen zu können? Denn dort ist dies in unserer Gesellschaft doch kaum noch möglich. Ganz schön traurig und bei genauer Betrachtung dann auch gar nicht mehr lustig.

 

 

34 Gedanken zu “Zerreißprobe

  1. Ich krieg schon bei dem Wort „Beziehung“ Zustände
    Ich habe jede Menge Beziehungen verschiedener Art mit jeder Menge Menschen

    Wenn es Liebe ist, ist es schön
    Wenn es keine Liebe ist, besser sein lassen

    Ananda radikal 😉

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    1. Ja, Beziehung ist kein wirklich passendes Wort, doch es weiß jeder, was gemeint ist. Aber nicht jedes Paar ist verheiratet, Partnerschaft klingt mir zu geschäftsmäßig.
      Deine Meinung, dass man es gleich lassen soll, wenn es keine Liebe ist, teile ich absolut. Liebe (ohne Besitzansprüche) und gegenseitiger Respekt sind die Grundfesten, die nicht verhandelbar, nicht abwandelbar sind.

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      1. sollte keine Kritik an irgend jemandem sein, aber…
        Worte… zeigen den Zeit-Geist… Worte sind wichtig… Worte haben schöpferische und formende Funktion… Worte bewirken etwas…
        Partnerschaft find ich auch panne 😆 „panne“… passte hier grad so gut 😉
        Liebes-Beziehung, verliebt sein, einen Freund haben … am lautmalerisch schönsten find ich das englische „Lover“ … das zergeht auf der Zunge …

        ansonsten: Jawoll!

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  2. Zehn Jahre lang führte ich mit meinem Mann eine geteilte Ehe, das heißt, ich arbeitete auch nach unserer Hochzeit weiter an der Küste und er blieb der Arbeit wegen in NRW. Immer, wenn wir uns trafen, hatten wir Urlaub. Das war eine wirklich schöne Zeit. Nun leben wir seit fast fünf Jahren gemeinsam in einem Haus auf einem großen Grundstück. Oh, wir mussten uns ganz schön zusammenraufen und es flogen oft die Fetzen. Wir frönen beide unseren Hobbbies und pflegen unsere Freundschaften und hocken deshalb nicht immer aufeinander. Wenn ich mal für einige Tage bei meinen Kindern bin, vermissen wir uns und telefonieren immer noch vor dem Schlafengehen, so wie in alten Zeiten.
    Ich denke, dass diejenigen Ehen, die den Urlaub nicht überstehen, ohnehin schon kaputt sind. Viele bleiben eben aus Gewohnheit zusammen oder aus Bequemlichkeit
    Abends sitzen sie dann gemeinsam beim Fernsehen und haben sich nichts zu sagen, aber dann zwei Wochen lang zusammenhocken und sich nichts zu sagen haben, das kann schon kritisch werden….

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  3. Und dann kommt da noch die Zeit, wenn die Kinder das Haus verlassen …

    Die Tücke steckt oft im Detail. Es wäre schön, sich einfach mal zu Hause gehen zu lassen, andererseits muss man eben immer dran bleiben, aufpassen, den Partner nicht durch irgendwas zu stark zu irritieren. Ist leider nicht immer einfach und mitunter wird dann auch noch, z.B. durch die Schwiegermutter, die traute Eintracht ganz schön auf die Probe gestellt.

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    1. Vielleicht habe ich ja besonders viel Glück in meiner zweiten Ehe. Wir hatten kein Problem damit, als die Kinder auszogen, obwohl die Bande sehr eng sind. Eltern mir Leib und Seele waren wir doch auch immer ein Paar. Wir sind gern zusammen und haben immer Gesprächsstoff Mir ist allerdings nur die Basis wichtig, alles andere kommt wie es eben kommt und ich mag Veränderungen. Den Partner zu irritieren bringt aber auch gute Spannung, jedenfalls erlebe ich das so. Die Freiheit des Einzelnen ist mir sehr wichtig, auch bei den Kindern. Vielleicht wird sie gerade deshalb nicht reklamiert und es kommt nicht zu emotionaler Entfremdung.
      Allerdings waren bei uns der äußere Druck und die Ablehnung sehr stark, auch das schweißt zusammen, wenn man voneinander überzeugt ist. Deshalb haben wir den Schwiegermüttern konsequent ihre Grenzen aufgezeigt. Das war sehr hilfreich und die Erwartungen des Umfeldes haben wir gelernt zu ignorieren. Natürlich gab es Krisen, aber die haben nichts an unserer Zuneigung geändert.

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      1. Aber ist der Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit nicht der Grund, warum man gemeinsam Urlaub macht? Ich kenne einige Paare, die unterschiedliche Vorstellungen von Urlaub haben. Die machen dann entweder getrennt Urlaub oder unternehmen tagsüber getrennt etwas und sehen sich dann am Abend. Und die Beziehungen funktionieren gut. Es gibt doch keinen Zwang zu permanenter Zweisamkeit.

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      1. deshalb halten Beziehungen auch länger, in denen man gemeinsam etwas erreichen muss (oder im Ausland lebt und aufeinander angewiesen ist und damit Konflikte mehr durchleben muss)…..(oder sie zerbrechen sofort) …..wenn beide nicht bereit sind, ihre „comfort zone“ zu verlassen, ist es auch keine wirkliche Beziehung.

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