Selbstbetrachtung

Die ewig zweifelnde Lena hat am ersten Abend ihres Urlaubs beim Spiel die kleine  Franzi mit einem kräftigen Ballwurf verletzt. Dafür ist sie hart mit sich ins Gericht gegangen. Erneut scheint sie sich bewiesen zu haben, dass sie zu nichts nütze ist. Doch die überwältigende Natur der Berge bewirkt eine starke Veränderung ihres Gemütszustandes. Oder vielleicht auch noch etwas anderes?

Sie hat sich ein wenig in Tobi, den Gastwirtssohn verguckt. Erste Verliebtheit keimt auf, ohne dass es ihr schon bewusst wäre. Solche Gefühle sind ihr fremd. Denn schließlich haben Jungen ja nur Kumpel zu sein – bisher.

Am nächsten Morgen schleicht sie sich ganz früh aus dem Haus und geht auf einen Streifzug.

Lena genoss diese Stille und Einsamkeit des frühen Morgens. Weder Fragen noch Forderungen oder Erwartungen störten ihre Gedanken. Den größten Teil der Tage würde sie wohl mit den Eltern und den anderen Erwachsenen verbringen müssen, aber diese Morgenstunden würde sie für sich bewahren. Sie würde klettern, rennen, über die Steine im Bach springen, auf der Wiese liegen und denken, denken, denken. Sicher meist ohne fassbares Ergebnis, aber absolut entspannt. Entspannt und froh.
Langsam bewegte sie sich auf das Hotel zu. Jetzt kamen ihr auch die Ereignisse des vorherigen Abends wieder in den Sinn und drängten ihre Glücksgefühle in den Hintergrund – ein wenig. Wie sollte sie jetzt den anderen gegenübertreten, besonders Tobi? Wieso besonders Tobi? Was war denn mit ihr los? Ach hätte sie in der Frühe doch nur mal einen Blick in den Spiegel geworfen und sich die Haare gebürstet. Zu spät.
Lena mochte keine Spiegel, auch keine Fotos von sich. Genau genommen hatte sie keinen sehr freundlichen Bezug zu ihrem Aussehen mit den großen Füßen und einem Kreuz wie ein Preisboxer, was ihre Mutter gerne betonte. Auch war ihr Gesicht kantig, die Stirn zu hoch, die Ohren zu groß. Dazu die extrem hohen Wangenknochen und diese Nase. Es war die Nase ihrer Großmutter, etwas zu breit und rund. Lena liebte ihre Großmutter und hätte gern viele ihrer Eigenschaften geerbt, die Nase gehörte nicht dazu. Was sie an sich mochte, waren ihre stahlblauen länglichen Augen und die dichten Haare, in den denen von weiß über goldblond und rot bis hin zu dunkelbraun alle Farben vorhanden waren.
Lena hatte wohl bemerkt, dass viele Menschen an ihr Gefallen fanden, zum Teil heftig auf sie reagierten, aber verstehen konnte sie das nicht. Es änderte auch nichts an dem Bild, das sie von sich selbst hatte. Außerdem erzeugten oft diese Schwingungen, die sie deutlich spürte – vor allem von erwachsenen Männern – ein starkes Unwohlsein. Irgendetwas war nicht richtig daran, eher wirkte es auf sie abstoßend und verunsichernd. Oft fragte sie sich dann, durch welches Verhalten sie das provoziert hatte und zog einen breiten Ring aus Ablehnung um sich herum. Es war die gleiche Empfindung wie bei den Feiern, bei denen Lena oft als einziges Kind zwischen lauter Erwachsenen saß. Wenn sie, unangenehm berührt, bisweilen unsichtbare Fäden und bedeutungsvolle Blicke zwischen zwei Personen fühlte, die eigentlich mit anderen Partnern verbunden waren.
Wie oft schon hatte sie bedauernd den zierlichen, grazilen Wesen hinterhergeschaut, die mehr zu schweben als zu laufen schienen. Anmutig bewegten sie sich vorwärts und ließen nicht bei jedem Schritt die Erde beben. Genau so hätte sie sich auch gerne gesehen. Stattdessen musste sie sich in einem Körper einrichten, der vor Muskeln nur so strotzte, die sie manchmal zu wenig unter Kontrolle hatte. Die mussten beschäftigt werden, sonst drückten sie ihr die Seele ab. Nur bei körperlichen Anstrengungen bewegte sie sich im Einklang mit ihrer Natur, ihren Gefühlen. Dann war sie zu erstaunlichen Leistungen fähig, auf die sie durchaus stolz sein durfte.
Wach und erfüllt war sie nach den Erfahrungen, Herr zu sein über Schwäche, Schmerzen und Erschöpfung. Die Grenzen des eigenen Körpers mit ihrem Willen zu überwinden, bescherte ihr ein erhebendes Gefühl von Macht und Freiheit. Keine Schranken im Handeln und Denken konnten einem starken Willen standhalten. Also war alles möglich, alles zu erreichen, was sie nur genug wollte. Freiheit grenzenlos, die wollte sie. Auch wenn ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war, was dies alles umfasste.
Während Lena immer fröhlicher die Wege hinunterlief, ließ sie mehr und mehr Schwere und Unzufriedenheit hinter sich. Tatsächlich besann sie sich auf weitere gute Eigenschaften, die sie auch noch hatte. So half sie ihren Mitschülern, teilte ihr Frühstück, ließ bei Arbeiten abschreiben, petzte niemals, kümmerte sich aufmerksam um kleinere und schwächere Schüler in den Pausen. Dieser Zorn, der ihr so oft die Augen gefährlich zusammenkniff und einen Mundwinkel abfällig nach oben zog, war völlig verschwunden. Keine festsitzenden Tränen mehr, kein Kloß im Hals – Lena war fast vollkommen glücklich.

 

4 Gedanken zu “Selbstbetrachtung

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