Ole holt den Mond zurück

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Zeichnung/Entwurf auf Plattencover-Rückseite aus meiner Aufbewahrungsbox. Sie passt gut zur heutigen Erzählung aus der Sammlung meiner Kindergeschichten. Als Gegengewicht zum gestrigen Beitrag ist sie gedacht. Denn die Welt/das Leben hat auch schöne, zarte, einfache und klare Aspekte, die die Seele zum Auftanken benötigt. Meine eigenen Kinder, besonders die drei Jungen, hatten eine ganz besonders starke Beziehung zum Mond. Sie wollten ihn jeden Abend sehen, bevor sie zu Bett gingen. An wolkenverhangenen Tagen war es manchmal schwierig, seine Abwesenheit zu erklären, als sie noch sehr klein waren.

 

Ole holt den Mond zurück

Ole, ein blonder Junge von vier Jahren, ging eines Tages plötzlich verloren, und das kam so:
Er wohnte zusammen mit seinen Eltern und Großeltern in einem kleinen Dorf auf einem Bauernhof. Dorthin war seine Familie vor Kurzem umgezogen. Vorher hatten sie in einer großen Stadt gewohnt und Ole war nicht sehr froh über diesen Ortswechsel. Ehrlich gesprochen konnte er seither fast nie mehr froh sein. Alles an dem neuen Ort erschien ihm trostlos und öde. Vieles Neue flößte ihm sogar richtig Angst ein. Obendrein blieb er ohne Freunde, weil das Dorf so winzig war. Es gab dort nur zwölf Höfe und eine Kirche. Ole hatte also viele Sorgen. Auch sein Hund Otto vermochte den Jungen nicht zu trösten. Kaum wagte sich der Kleine vor das Tor des Hofes, so bedrohlich wirkte die neue Welt. Opa, Oma und auch die Eltern waren auch schon in großer Sorge und wollten den Jungen so gerne aus seiner Not erlösen. Doch sie fanden einfach keine Lösung für dieses Problem.
Eines Abends jedoch sollte sich für Ole endlich alles zum Guten wenden. Er bewohnte ein schönes Zimmer mit Holzbalkon auf dem Dachboden des Bauernhauses. Als nämlich die Tage kürzer geworden waren und es schon früher dunkel wurde, machte Ole eine Entdeckung. Er saß, wie schon so oft, einfach regungslos auf dem Fußboden und döste vor sich hin. Plötzlich zog ein heller Schein an den Vorhängen mit Zootieren vorbei und lotste ihn auf den Balkon. Wo kam nur dieses Licht her? Ole sah eine riesengroße rötliche Scheibe, die sich vorsichtig über den Horizont nach oben schob. Das musste wohl der Mond sein.
Natürlich kannte er den Mond schon aus der Stadt, doch er war viel kleiner und blasser gewesen. Außerdem waren die Lichter der hohen Häuser und der Autos so hell, dass so ein Mond dazwischen dort nicht besonders auffiel. Hier jedoch erschien er Ole so schön wie nie zuvor. So froh war der Junge über diesen Mond, der ihm gefolgt war in das kleine Dorf. Plötzlich fühlte er sich gar nicht mehr so verloren wie zuvor.
Jeden Abend nun beobachtete Ole den Mond von seinem Balkon aus und erzählte ihm von seinen Sorgen und Nöten. Er konnte so gut zuhören und hatte stets ein freundliches Gesicht. Seit Ole seine Gedanken teilen konnte, fühlten sie sich nicht mehr so schwer an.
Zwei Wochen später jedoch war er schon wieder in großer Sorge, weil der Mond sehr abgenommen hatte. Ganz schön dünn stand er nun dort oben. Noch immer strahlte er orange, sobald ihm aber eine Wolke über die Nase flog, war er ja kaum noch zu sehen. Was konnte denn auch so ein kleiner Ole wissen von Vollmond, Halbmond und Neumond? Und da er all seine Gedanken in seinem Kopf schön zusammen hielt anstatt Oma oder Opa zu fragen, musste er sich weiter Sorgen machen.
In der kommenden Woche waren immerfort Wolken am Himmel und wollten gar nicht mehr verschwinden. Das war wirklich blöd für Ole. Eines Abends waren sie endlich alle fort. Voller Vorfreude lief der Junge sofort nach dem Abendbrot durch sein Bodenzimmer hindurch auf seinen Balkon. Aber was war das? Nicht nur die Wolken waren weggezogen, sondern auch sein Mond! Ole war sehr erschrocken und es wurde ihm ganz sonderbar zumute. Er wartete und wartete, doch der Himmel blieb ohne Mond. Wo konnte er nur hingeflogen sein und wieso hatte er Ole hier allein zurück gelassen? In seinem Kopf rumorte es und er dachte noch lange nach dort oben auf dem Balkon. Später träumte er von seinem Mond, die ganze lange Nacht hindurch. An den kommenden Tagen regnete es ununterbrochen und Ole verkroch sich traurig auf seinem Dachboden. Doch die Sonne kam zurück und schob die Regenwolken fort.
Eines schönen Morgens war es Ole dann vollkommen klar, was er tun konnte. Es war ein Sonntag, da machten Opa und Oma sowieso Mittagsschlaf und die Eltern wollten ins Kino in der Großstadt. Ole hatte sich fest vorgenommen, den Mond zurück zu holen. Sobald es dunkel geworden war, wollte er schon oben auf dem höchsten Hügel angekommen sein. Von dort aus konnte er sicher so weit sehen, dass er den Mond schon finden sollte. Das hoffte er ganz stark.
Bevor Ole loszog, holte er sich noch Brot und eine Dose Limonade aus der Kammer. Er zog seinen wärmsten Pullover an, stieg in die hohen Gummistiefel und stapfte los. Und tatsächlich, obwohl er mit seinen kurzen Beinen vorwiegend berghoch laufen musste, erreichte er die Anhöhe vor der vollständigen Dunkelheit. Das Erstaunlichste war jedoch, dass Ole dort oben völlig ohne Angst der Dämmerung trotzte. Seine Mühe wurde belohnt. Bald sollte er seinen Mond wiedersehen. Schön und hell, wenn auch immer noch ein wenig dünn, schwebte der gute Mond über die Höhe der Berge und sah freundlich auf Ole herab.
„So, jetzt gehen wir aber sofort heim ins Dorf!“ sagte Ole und setzte sich ohne Zögern in Bewegung. Noch länger wollte er hier nun nicht mehr bleiben. Zuerst blickte er sich öfter um und prüfte, ob der Mond ihm auch wirklich folgte. Als er nach einer Weile noch immer hinter Ole herflog, war dieser beruhigt und lief schneller. Trotz des Pullovers fror der Junge und er stolperte vor lauter Müdigkeit die Anhöhe hinab. Aber der gute Mond blieb dicht hinter ihm und leuchtete, so gut er konnte. Noch bevor sie im Dorf angekommen waren, liefen ihnen die Bewohner der Höfe mit Laternen entgegen. Die Eltern und Großeltern hatten große Angst bekommen, als sie Oles Verschwinden bemerkten. Sie konnten sich gar nicht vorstellen, dass er sich so weit entfernt haben sollte. Zuerst hatten sie befürchtet, er sei am See in ein Boot gestiegen und abgetrieben worden. Als er aber dort nirgendwo gefunden wurde, waren alle Bewohner losgezogen, um den Jungen zu suchen. Aber Ole bemerkte kaum, welch große Aufregung er verursacht hatte. Er verkündete stolz: „Seht doch, ich habe den Mond ins Dorf zurück geholt.“

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