Wiener Mélange

Aus meiner Sammlung eine weitere Kurzgeschichte, die ich geschrieben habe, während ich mich auf meine erste Reise nach Wien vorbereitete.

Lange nicht mehr so viel Spaß gehabt, die ganze Sommernacht hindurch getanzt, geredet, ungewöhnliche Menschen getroffen, manche waren mir erschienen, als entstammten sie einer völlig anderen Zeit als ich – was die gesammelten Eindrücke noch interessanter und aufregender machte. Zugegeben, ich hatte wenig bis gar nicht geschlafen während der vier Tage meiner ersten Reise durch Wien, was die Erregung gesteigert, die Objektivität jedoch sicher getrübt hatte.
Aber ich gefiel mir so, in diesem aufgebrochenen Geisteszustand mit hochsensiblen, weit ausgefahrenen Antennen. Die Stunden des Ruhens waren mir schon immer lästig gewesen bei meinen Besuchen neuer Orte, verlorene Erlebenszeit, die es nur erschwerte, ohne die eigene Vergangenheit einzutauchen in unbekannte Lebensformen und Kulturen. Meist war ich ohne Unterlass zu Fuß unterwegs in  den fremden Städten, um nur zuweilen mich irgendwo kurz niederzulassen und zu beobachten. Was ich dann beobachtete, atmete ich gierig ein in mein Leben, wodurch ich selbst größer, weiter wurde im Denken und Fühlen. Neues dem Alten hinzuzufügen, immer  mehr zu erkennen und verstehen, das war mein Grundstein der Freiheit.
Na ja, dieses Mal würde ich nicht nur an Wissen zunehmen, sondern auch an Gewicht. Diesen phantastischen Speisen, die es fast an jeder Straßenecke gab, konnte und wollte ich auch gar nicht widerstehen. Und so saß ich nun hier zur beginnenden Morgendämmerung an einem Fenster des Caféhauses bei Sachertorte und einem „großen Braunen“ – meinem Vierten bereits -, um der aufdringlichen Müdigkeit zu trotzen. Ich musste unbedingt in meinem kleinen Notizbuch alle Umstände zusammen tragen, warum diese Stadt sich so großartig und lebendig anfühlte.
Nicht die einzelnen hinlänglich bekannten, bemerkenswerten Bauwerke machte ich für die sonderbare Anziehung verantwortlich, vielmehr schien diese die Auswirkung eines perfekten Zusammenspiels der verschiedenen  Bezirke zu sein, sowie des pulsierenden Lebens, das überall herrschte – auf Märkten, Plätzen, Friedhöfen, am Fluss – und mich einfach mit aufnahm, als sei ich ein Teil all dessen. So spürte ich keinerlei Fremdheit in den unbekannten Straßen, durch die ich staunend lief. Die Gebäude des Zentrums hell, fast weiß, imponierend durch ihre kunstvollen Details. Säulen, Rundungen, breite Gesimse, Holzportale wirkten auf mich ernsthaft, genauso stark aber auch lebensbejahend und sinnlich.
In den Heurigen-Bezirken herrschten andere Farben und Formen vor, ohne jedoch weniger Faszination auf mich auszuüben. Niedrige Fachwerkhäuser, Weinhöfe, meist in warmem Gelb gestrichen, Lauben, Terrassen – üppige Weinranken überzogen die Fassaden und Pergolen als Überdachung. Diese Bilder  wirkten wie ein wahrer Stimmungsaufheller auf mich.
Auf den meisten Plätzen, gleich ob weitläufig oder winzig eingefasst, fanden abwechslungsreiche Aktivitäten statt, mehr oder weniger organisiert, immer aber interessant. Neugierig mischte ich mich unter die Zuschauer. Dabei fiel mir einmal mehr auf, wie viele Kulturen und Bevölkerungsgruppen selbstbewusst ihre Besonderheiten in Haltung sowie Kleidung ausdrückten. Und gerade dieses Nicht-uniformiert-sein trug unmittelbar bei zu einer/meiner gefühlten Leichtigkeit, in die sich bisweilen angenehme Melancholie mischte. Immer wieder anders und doch eins im Ganzen, so würde ich`s beschreiben wollen. Diese stark vermischten Eindrücke verdichteten sich zu einem hoffnungsvollen, feierlichen Hochgefühl. Ich verspürte das drängende Bedürfnis, den mir wichtigen Menschen alles zu zeigen, was mich berührt und beeindruckt hatte. Wien würde ich mit Bedauern wieder verlassen.
Man hatte es hier verstanden, die gesamte innere Stadt im Großen und Ganzen so zu erhalten, wie sie sich bereits zu Zeiten der Habsburger dargestellt haben musste. Selbst die vielen heraufgesetzten Dächer, die, wie ich gelesen habe, im Zuge einer genehmigten „Dachsanierungskampagne“ zumeist aus Glas und Metall entstanden waren, störten nur in Ausnahmefällen das Gesamtbild. Im Gegensatz zu vielen anderen altertümlichen Innenstädten wirkte Wien jedoch nicht wie ein Museum, sondern sprühte vor Leben. Hier waren die Bewohner spürbar noch Eigentümer ihrer Stadt und ließen sich nicht verdrängen durch die Heere von Touristen. Sie schienen das Alte zu ehren, dennoch alles Neue freudig zu begrüßen und in ihr Leben zu integrieren. Vielleicht war das der Grund dafür, dass die Stadt aufregend modern wirkte – feste Wurzeln. Oder waren meine Gedanken zu diesem Zeitpunkt nur noch Verirrungen, entstanden durch Überreiztheit und Erschöpfung meines Geistes?  Ich traute meinen Wahrnehmungen nicht mehr so richtig, versuchte das Sinnieren einzustellen, es wurde mir wirklich zu anstrengend, ließ den Blick stattdessen inhaltsleer nach draußen gleiten. Das war angenehm!
Seltsam, eigentlich hätte es längst Tag sein müssen.  Wieso also lag die Straße noch immer im Dunkeln, erhellt nur durch ein paar Laternen, die  mir vorher gar nicht aufgefallen waren?  Jetzt fing es auch noch an zu schneien. Gegenüber fuhr jetzt eine geschlossene Kutsche vor, ein junger Mann in Uniform mit Säbel? stieg aus und machte wilde Zeichen zu einem schwach beleuchteten Fenster im Obergeschoss des großen, weißen Hauses. Kurz darauf öffnete sich eine Tür im halbrunden hölzernen Tor und eine zierliche Frau, fast noch Mädchen, in weinrotem, bodenlangem Umhang mit Kapuze trat heraus. In der Hand trug sie eine riesige, prall gefüllte und mit Blüten bestickte Reisetasche. Eine breite dunkle Locke hatte sich gelöst und floss über die linke Wange. Das Paar umarmte und  küsste sich kurz, um dann schnell in die wartende Kutsche einzusteigen. Eigentlich hätte ich mit einem schnellen Antraben der Pferde gerechnet, doch die Tiere rührten sich nicht von der Stelle.
Von hinten näherten sich nun hastig zwei Männer mit langen schwarzen Mänteln und Zylindern. Sie stiegen ebenfalls in das Gefährt ein, nicht ohne sich zuvor noch einmal nach allen Seiten umzublicken. Anstatt jedoch die Kutsche jetzt endlich losfuhr, öffnete  sich  die Tür erneut und die beiden dunklen Gestalten stiegen schon wieder aus. Mit langen Schritten entfernten sie sich eilig. Hinter der Kutsche tauchte nun zu meiner Überraschung auch noch der uniformierte junge Mann auf, der ebenfalls schnell davonlief. Der verdutzte Kutscher, der wohl schon die ganze Zeit auf das Zeichen zur Abfahrt gewartet hatte, stieg von seinem Bock herunter, schaute in die Kabine hinein und erstarrte. Ein weißer Arm hing reglos aus der Tür heraus. Mir klopfte das Herz bis zum Hals.
Kurz darauf kam wieder Leben in den Mann, er rannte zum Haus und trommelte mit den Fäusten an das Tor, das bald darauf geöffnet wurde. Ein bärtiger älterer Mann und eine bleiche, sichtbar verwirrte Frau, beide in Hausmänteln, liefen mit dem wild gestikulierenden Kutscher zu der offenen Kutschentür. Die Frau brach in lautes Weinen aus, während der Mann die leblose Gestalt behutsam aus der Kutsche heraustrug und in den frischen Schnee des Gehsteigs legte. Sollte ich nicht sofort hinauslaufen, um zu helfen?
„Möchten`s noch an Kaffee?“ hörte ich eine Stimme hinter mir sagen. Ich drehte mich um und blickte in das freundliche Gesicht meiner Bedienung. Ich war verwirrt. Als ich erneut aus dem Fester sah, war es bereits vollständig hell geworden und ein weiterer warmer Sommertag war angebrochen. „Nein danke, ich zahle besser und lege mich noch ein wenig schlafen“, antwortete ich noch ganz verstört.
Als ich fünf Stunden später mein Hotelzimmer wieder verließ, beschäftigte mich diese seltsame Episode noch immer. Höchstwahrscheinlich war ich nur kurz eingenickt und hatte das alles geträumt. Trotzdem entschloss ich mich nach einem stärkenden Essen und fortgesetztem Grübeln, in alten Stadtarchiven in Erfahrung zu bringen, ob einmal in dieser Straße eine junge Frau in einer Kutsche ermordet worden war. Ich war aufs Äußerste gespannt, was ich dabei wohl herausfinden würde?
Angekommen im Gasometer D, Stadt- und Landesarchiv, versuchte ich zuerst die Zeit ungefähr zu bestimmen und entschied mich für den Zeitraum von 1900 bis 1914, weil mir bekannt war, dass zu jener Zeit viele dieser schwarz gekleideten Agenten in der Stadt unterwegs waren, um Adel und hohe Militärs zu bespitzeln. Es war eine unruhige Zeit voller sozialer Umbrüche, die Stadt mehr denn je ein Schmelztiegel vieler Nationalitäten. Umso mehr versuchte man, schädigende Einflüsse rechtzeitig zu erkennen, zu kontrollieren und sich vielleicht auch zunutze zu machen. Auch die einzelnen höheren Schichten, der Adel sowie die obere Riege des Militärs versuchten den sich anbahnenden Veränderungen dadurch entgegenzuwirken, das sie sich noch mehr abriegelten, um eine Vermischung mit unteren Ständen unter allen Umständen zu verhindern. Zugleich war Wien aber auch ein anerkanntes Zentrum des Aufbruchs neuer Richtungen in Kunst und Wissenschaft, was wiederum eine gewisse Öffnung oder ein Aufbrechen der gängigen starren Moralvorstellungen mit sich brachte.
Während des Lesens der Berichte tauchte ich ein in diese Zeit und fraß mich durch die Zeilen mit zunehmender Identifikation ohne jegliches Bewusstsein von Zeit. Ich hörte die Stimmen, laute, leise, flüsternde, spürte das atmosphärische Brodeln, fühlte die Melodie jener Epoche. Vor allem den Wiener Walzer, den ich schon als Kind so gerne mit meinem Vater getanzt hatte, vernahm ich ununterbrochen als Grundthema über allem anderen. Er war so ganz anders als die Musik, die ich sonst so bevorzugte ab 110 beats per minute und war doch auch ein Takt meines Lebens. Sehr verwirrend, doch auch aufregend das alles. Danach begann ich Bezirk und Straße zu suchen. Diese Suche wurde, weil es bereits Abend geworden war, ohne dass ich es wahrgenommen hatte, durch die Aufsicht unterbrochen, die mich von der Schließung für diesen Tag informierte.
Im Traum sah ich mich Walzer tanzen mit meinem Vater, der es beherrschte wie kein anderer – leicht, elegant, führend, mit Rückgrat, ohne jegliche Schlenker oder Schaukelei ließ er mich über das Parkett schweben.
Am nächsten Morgen verließ ich mein Hotel gleich nach dem Frühstück, um meine Recherchen fortzusetzen. Die Neugier und die damit verbundene Spannung ließen mich nicht mehr los. Also erneute Eingabe von Zeitspanne, dann Bezirk und Straße. Durchforsten sämtlicher Zeitungen nach Mordfällen, zusätzlich Polizeiberichte sichten. Gut, dass ich in  meinem Studium gelernt hatte, flott querzulesen, sonst würde ich in diesem Leben nicht mehr fertig mit der Fülle an Informationen. So schaffte ich das Volumen bis zum Mittag. Zu finden war allerdings nichts.
Beim Mittagessen in einem kleinen Imbiss überlegte ich, ob ich die Suche jetzt beenden sollte und die Vergeblichkeit als Zeichen sähe. Ich war ziemlich erschöpft und wollte dieser Einschätzung nur allzu gerne nachgeben. Aber Nein! Den Zeitraum hatte ich willkürlich ausgesucht. Ein paar Jahre hin oder her machten doch keinen Unterschied. Ich würde weitermachen. Allerdings setzte ich mir eine Grenze von fünf Jahren, also bis 1895 rückwirkend. Sollte sich dann nichts ergeben, würde ich aufhören, sonst käme ich wohl nie zu einem Ende.
Also nach dem Essen wieder zurück zum Gasometer und konzentriert ans Werk gehen. 1895 – Fehlanzeige. 1896 – keine Erkenntnisse.
1897 – wieder nichts von Bedeutung. 1898 – das musste es sein. Eine Eintragung im Februar 1898 hatte meine Aufmerksamkeit erweckt. Berichtet wurde, dass ein 17jähriges Mädchen in eben jener Straße nachts unerwartet zu Tode kam. Allerdings hieß es dort weiter, sie habe wohl schlafwandelnd das Haus verlassen. Dann sei sie im Schnee vor dem Haus erfroren von einem Kutscher aufgefunden worden. Interessant. Hatte nun meine Vision mich betrogen oder wollte man den Vorfall lieber nicht in einer kompromittierenden Variante zu Papier bringen? Wie dem auch sei, es war nicht ganz absurd, was ich dort wahrgenommen habe. An meinem Verstand musste ich also nicht zweifeln. Glück gehabt.

6 Gedanken zu “Wiener Mélange

  1. Ich finde mich wieder in Deinem Treibenlassen durch die Stadt mit offenen Sinnen, dieses Einatmen der Eindrücke, dieses Trinken der Ideen, Formen, Begegnungen und Farben zum Sammeln von Ideen und zur gleichzeitigen Renovierung des eigenen Oberstübchens. Dazwischen Entspannen im Kaffeehaus. Ja, Wien ist elegante Entspannung und Inspiration zugleich.

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      1. Ach das Zweifeln, ja, diese Stimme der Perfektion, die alte Spaßbremse. Manchmal darf es einfach laufen lassen, das Geschreibe, und sich denken, alles subjektiv sowieso. Die Maler sind da manchmal freier. Pinkfarbene Himmel, grüne Köpfe…. ohne Zweifel, einfach mit dem Grund „so sehe ich es“. Cool. Ich mag Dein Schreib-Schlendern.

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  2. Schöner Post mit vielen Facetten:
    persönlich, fantastisch, kulinarisch und poetisch.

    Im nächsten Jahr möchte ich auch nach Wien – endlich – und ich hab hier richtig Appetit bekommen.

    Dein Traum oder die Art der Wahrnehmung des Vorkommnisses finde ich spannend, glaube ich doch daran, dass die inaktivierten Fühler in uns durch bestimmte Stimmungen und Eindrücke wieder reaktiviert werden können.

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    1. Es gefällt mir, wie du die einzelnen Anteile der Erzählung beschrieben und empfunden hast.
      Jeder Ort hat seine eigene Atmosphäre, die beeinflusst ist von all den Ereignissen, Gefühlen und Gedanken, die dort jemals wirkten und bringt in mir eine andere Melodie zum Klingen. Denn nichts verschwindet wirklich, es ändert nur seinen Aggregatzustand.
      Wien hat eine besonders schöne, aber auch leicht gefährliche Weise erzeugt und alle meine Sinne berührt. Vor allem hat es meine Erwartungen mehr als erfüllt.
      Ich wünsche dir, dass du deinen Beusch dort genauso genießen wirst wie ich es tat.

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