Die Witwe

Sie litt, sie trauerte. So überwältigend, so hilflos, so schön, so offiziell. Man musste sich um sie kümmern, sie trösten, alles regeln. Für eigene Trauer blieb den Kindern kein Raum.

Während der Nacht war der Mann an einem Infarkt verstorben. Drei Monate nach der letzten Rate an die Bausparkasse. Auch die Nachbarn und der Pfarrer waren gekommen, um ihr zur Seite zu stehen. Sie, die den über alles geliebten Mann so plötzlich verloren hatte.  Wenige Stunden später, das Beerdigungsinstitut hatte seine ersten Aufgaben erledigt, trat wieder Ruhe ein in dem schmucken Haus mit der edlen Einrichtung. Nur die Kinder waren noch anwesend und richteten das Mittagessen, gossen die Blumen im weitläufigen Garten.

Es gab noch einiges zu besprechen, zu organisieren. Dann durften die Söhne gehen, denn sie hatten ja noch zu tun. Die Tochter musste bleiben. Wie immer schon wurde der Großteil der Probleme auf ihrem Rücken ausgetragen. Bisher hatte der Vater sie vor zu viel Verantwortung geschützt. Nun nicht mehr – nie wieder. Die junge Frau war voller Kummer und Schmerz. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Auch nicht für ihre Tränen. Die Mutter forderte volle Aufmerksamkeit. Was würde nun kommen?

Folgendes wurde ihr aufgetragen:

  • Das Sparbuch des Vaters  suchen und nachzusehen, wie viel da noch drauf wäre.
  • Seine Ordner durchsuchen, ob dort noch ein geheimes Konto mit Guthaben existierte.
  • Seine Versicherungen sofort kündigen.
  • Von Gewerkschaft, dem Roten Kreuz und der Partei den Jahresbeitrag umgehend zurückfordern, denn es war erst Mai, also noch kein halbes Jahr vorbei.

Es gab kein geheimes Konto, auf dem Sparbuch war weniger Geld als erwartet, was eine furchtbare Schimpftirade zur Folge hatte. Die Witwe des hohen Beamten mit dem schuldenfreien Haus voller Antiquitäten und Schmuck, einem eigenen dicken Sparkonto und Bundesschatzbriefen, von welchem die Kinder durch das gemeinsame Testament erst einmal nichts erbten, es auch gar nicht forderten, beschwerte sich lautstark über diese Ungerechtigkeit, nicht angemessen abgesichert worden zu sein.

Die Tochter verließ fast fluchtartig das Haus. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie wünschte, sie hätte das alles eben nicht erlebt. War sie vielleicht viel zu empfindlich oder war es gerechtfertigt, aufsteigenden Ekel und Entsetzen zu spüren? Sie fuhr in den Wald, blieb im Auto sitzen und wartete darauf, dass der Kloß im Hals endlich die Tränen freigäbe, die ihr Erleichterung verschaffen würden.

 

2 Gedanken zu “Die Witwe

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