Metamorphose oder so

Lena entdeckt völlig neue Gefühle. In einem Urlaub mit knapp dreizehn Jahren verliebt sie sich zu ihrer eigenen Überraschung. Bisher hat sie sich definiert über Kraft und Durchsetzungswillen, Widerspruch und oft auch Trotz. Speziell als Mädchen hat sie sich selten wahrgenommen – nur wenn die Mutter mal wieder betonte, der Vater hätte eigentlich einen Jungen gewünscht -. Schien sie doch Gleiche unter Gleichen zu sein im Wettbewerb mit ihren männlichen Kumpels.
Die durch die pubertäre Entwicklung entstandenen Veränderungen im Verhältnis, die Abnutzung des eigenen Wertes in der Gemeinschaft, hat sie sehr übel genommen. Ihr Selbstverständnis ist völlig durcheinandergeraten, schwankt zwischen Verzweiflung, Selbsthass, Ablehnung, Überheblichkeit und Rachegelüsten. Ihr Inneres schreit nach äußerer Veränderung, denn sie selbst wird ja bleiben, wie sie ist – denkt Lena. Gleichzeitig mag sie diese feindselige Lena eigentlich gar nicht.
Und ganz plötzlich, in eben jenem Urlaub, stellt sie fest, dass sich eine völlig neue Welt öffnet und auch sie nicht mehr die Gleiche ist. Sie wehrt sich nicht mehr dagegen. Nein, sie genießt es. Freude und Stille kehren in ihre Seele zurück.
„Und plötzlich spürte sie sie wieder wie damals – diese Aufgeregtheit und Unruhe vor dem Neuen. Lena, das noch nicht ganz dreizehnjährige Kind in ihrem unangemessenen, bunten, engen Kleid ahnte, dass sich etwas verändern würde. Sie wollte, dass sich ihr Leben veränderte. Dass sie keine Macht mehr über sie hätten, jene dunklen Gedanken, der Zorn, die Härte, all jene fiesen Anwandlungen, die sich seit einem Jahr in ihrem Kopf ausgebreitet hatten. Hin- und hergezerrt zwischen dem Bewusstsein, sehr klug, völlig unnütz und besonders schlecht zu sein, zwischen Lachen und Verzweiflung, Aufgabe und Kampf. Das unausgefüllte öde Dasein, das sie so sehr verabscheute und das nur durch Tagträume und den Blues auf AFN zu ertragen war, wenn sie das nur loswerden könnte.
Hier war ja schon alles Äußerliche anders, die Landschaft, das Grün, die Häuser, die Kleidung der Menschen. Schon seit der Fahrt abseits der Autobahn auf die Grenze zu konnte sie die hohen Berge ganz aus der Nähe sehen, wild, gewaltig und aufregend bedrohlich. Lena war überwältigt von der Schönheit dieser Natur. Warum war sie dann plötzlich so unendlich traurig, presste sich ihr Herz so schmerzhaft zusammen? Da war es wieder, dieses seltsame, warme Gefühl in ihrem Bauch, ganz tief unten, das sie von mancher Frühe kannte, während sie sich auf dem Holzkasten angezogen hatte und dessen Ursache sie noch immer nicht verstand. Sie hatte es lange nicht mehr gespürt. Dieses Mal war es dazu noch ziehend, fast tat es weh. Die innere Unruhe wurde immer stärker. Unordnung herrschte in den Gefühlen und im Kopf. Gleichzeitig erfasste Lena eine berauschende Hochstimmung. Fast drehte sich ihr der Magen um, der Atem hetzte stolpernd.
Nie zuvor hatte sie ein solches Grün gesehen wie auf den sanft gewellten Bergwiesen. Die sich am Fuß der Berge aufschraubten, bis nur noch blanker, grauer Fels in die Höhe ragte und sich an den Wolken rieb. Ein schwerer Duft von Heu, der sie zuvor oft in Trauer und Melancholie versetzt hatte, so als habe sie etwas verloren, bevor sie es je besessen hatte, erweckte nun eine Ahnung von Glückseligkeit. Der harte Kern wurde urplötzlich aufgebrochen und gab ruhiger Freude Raum. Das Atmen gelang wieder normal wie gewohnt. In wenigen Augenblicken würden sie am Ziel sein.“
„Tobi hatte Eindruck hinterlassen. Lena fand ihn schon irgendwie süß und so lebendig. Aber niemals würde sie sich das anmerken lassen. Da könnte sie ja gleich die ganze Rüstung ablegen und nackt dastehen. Na ja, ein klein bisschen war es so gewesen, wenn auch ohne ihr Wissen.
Lena hatte nicht die geringste Absicht, sich näher auf Jungs einzulassen. Zu viele Geheimnisse waren damit verbunden, Unheimliches, Ungehöriges. Sie vermisste die Zeiten, als sie noch als Gleiche unter Gleichen sich mit den Jungen in ehrlichem Wettkampf hatte messen können, man sich einfach so hatte mögen können oder eben nicht. Wie einfach war da alles gewesen. Sie als diejenige, die über Kraft und Muskeln verfügte, mehr als die meisten Kerle, und die alles schaffte. Dafür hatte man sie respektiert.
Ihre erste Enttäuschung hatte sie vor einigen Monaten erlebt mit einem Jungen aus der Nachbarklasse, wodurch ihr auch schlagartig bewusst geworden war, dass sich etwas Grundlegendes verändert hatte, dass sie selbst sich zu verändern drohte – ganz ohne ihre Zustimmung. Besagter Junge, Michael, war Bewohner eines Internats im Ort, der oft an den Fußballspielen teilnahm. Lena mochte ihn. Er war hübsch, klug, sportlich und manchmal sehr traurig. So hatte sie ihm einmal heimlich ein Päckchen Kaugummis in die Jackentasche gesteckt, als sie mal wieder wegen Aufmüpfigkeit während des Unterrichts auf dem Flur stehen musste.
Ein paar Tage später fand sie in ihrer Tasche einen Zettel, auf dem geschrieben stand: Willst du mit mir gehen? Beschämt und wütend zugleich war ihr Kopf ganz heiß geworden. Sie fühlte sich durch dieses Stück Papier völlig falsch beurteilt, entwürdigt und beleidigt. Das konnte sie so nicht stehen lassen. Nachdem sich bei ihren Nachfragen herausgestellt hatte, dass Michael diesen Zettel geschrieben hatte, machte sie ihm unmissverständlich klar, dass sie für so etwas nicht zu haben war und er sich eine von den Püppchen aussuchen solle. Dann hatte sie ihm auch noch Schläge angedroht. Noch am nächsten Tag fühlte Lena sich schlecht, wenn sie an Michaels entsetzten, ungläubigen Gesichtsausdruck dachte. Sie hatte wohl mal wieder maßlos überzogen.
Wie eine Getriebene hatte sie als neuen Lieblingssport das Verschrecken der Jungen ausgesucht. Bisweilen hatte sie das unbedingte Bedürfnis, sie zu demütigen, indem sie sie so gezielt provozierte, dass sie Unrecht taten und sich danach schuldig fühlten. Ein kurzer Triumph mit schalem Nachgeschmack. Lena hasste sich für diese Taten. Dennoch konnte sie diesem dunklen Grollen in ihrer Seele nicht widerstehen, wenn es sie bedrängte. Weil sie plötzlich so blöd geworden waren. Und dumm dazu. Sie liefen gleichaltrigen Mädchen hinterher, die an ihnen gar nicht interessiert waren, sondern nur an älteren. Fielen auf gespielte Hilflosigkeit, diesen Blick von unten herauf, fragend verneinend, mit geneigtem Kopf herein. Alles für Hausaufgaben, fertige Aufsätze, das Fahrrad, eine Einladung zum Eis. Lena war diese unterwürfige Körperhaltung zutiefst verhasst. Aber sie wirkte – immer, obwohl alles daran falsch war. Bei den Erwachsenen hatte sie das auch schon oft genug beobachtet. Na ja, wenn sie das glauben wollten – ihr doch egal! Wenn Lena es plötzlich nicht mehr wert war, dass man seine Zeit gerne mit ihr verbrachte, dann war es eben so. Auch das würde sie überleben. Bei ihr hatten die Jungen nichts dergleichen zu erwarten. Sie gehörte nicht auf diese Seite. Auf die andere allerdings auch nicht mehr.“

 

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