Der Graben

Zwischen Lena und ihrer Mutter scheint ein tiefer Graben zu existieren, eine schier unüberwindbare Fremdheit von Beginn an. Lena erinnert sich an Momente, in denen sie die Ursache zu ergründen versuchte.
„Lena sitzt hinten im Wagen. Die Scheibe spiegelt das Gesicht ihrer Mutter. Richtig glücklich sieht sie nicht aus, auch wenn sie nicht so zusammengesunken sitzt wie sonst. Sie hat doch jetzt auch, was sie immer wollte. Eine Eigentumswohnung in der Kreisstadt, echte Teppiche und anderes altes Zeug, das ihr so wichtig ist. Sie hat das Malen als Hobby entdeckt und einige ihrer Bilder sind wirklich schön, finden allgemein Anklang.
Wieso ist so eine große Kluft zwischen Lena und ihrer Mutter? Es war nie anders gewesen. Mama hat sie immer anders gewollt, als sie ist, vielleicht auch sie als Ganzes nicht gewollt. Lena hat nie so sein wollen, nicht im Ansatz, wie die Mutter. Aber das allein konnte es nicht sein. Wer war diese unbekannte Frau, die sie Mama nannte?
Im Rückblick kann Lena sich vorstellen, dass ihre Mutter depressiv ist. Einiges deutet drauf hin. Die ständige Angestrengtheit und Lustlosigkeit, die Schwierigkeiten, morgens aus dem Bett zu kommen, das Fehlen jeglicher Freude über Geschenke, die niemals gut genug waren. Der kleine Tischkühlschrank, dessen Oberfläche voller Medikamente stand, die nach dem Lesen von Arztratgebern gekauft worden waren. Ständige vorgebliche Krankheiten und ärztliche Untersuchungen ohne Befund, was Lena erst später erfahren hatte. Nicht ein einziges Mal in den dreizehn Jahren ihres Aufenthaltes in dieser Stadt hatte sie einen gewöhnlichen Einkauf gemacht. Das hatte sie Lena überlassen, die auch ganz gerne zum Einkaufen lief und dabei den Einkaufszettel sang. Deshalb hat sie sich wohl auch früher nichts gedacht dabei. Ja selbst zum Friseur, der nur eine Viertelstunde von der Wohnung entfernt war, musste Lena ihre Mutter begleiten und nach zwei Stunden wieder abholen.
Ob das alles durch den Satz eines Jagdpächters entstanden war, den sie immer wieder zum Besten gab: „Du bist viel zu schade fürs Dorf.“? Oder war der Ursprung das oft in Lenas und des Vaters Beisein geäußerte Bedauern über die Entscheidung, nicht den Sägewerksbesitzer erhört zu haben, der allerdings mit nur einem Arm aus dem Krieg heimgekehrt war? Es war für sie sicher auch nicht immer leicht mit dem Vater. Zwar versuchte er alles, um sie zufrieden zu stellen und umsorgte sie, aber sie fürchtete sich weit mehr vor seinen Ausbrüchen als Lena, die wusste, dass sie eines Tages gehen und ihr eigenes Leben führen würde. Und sie war jetzt ganz nah dran. Auch die enge Vertrautheit zwischen Lena und ihrem Vater war sicher manchmal schwer zu ertragen.
Genau betrachtet lebte die Mutter nur auf, wenn sie bei gesellschaftlichen Anlässen im Mittelpunkt stand und sich schmuckbehangen in großer Robe präsentieren konnte. Dann strahlte sie ihr Fotolächeln, das sie an- und auszuknipsen vermochte. Wiederholte bei jeder Gelegenheit die Worte des Jagdpächters und erwähnte stets, dass man sie immer für die Tochter ihres Mannes hielt. Für Lena war das jedes Mal aufs Neue verstörend und belastend. Genau wie das permanente Pochen darauf, dass sie so sehr viel schöner, zarter, besser, künstlerischer und sensibler sei als ihre Tochter. Diese öffentliche Person hatte so gar nichts mit der Frau zu Hause gemein, wenn kein Besuch anwesend war. Sie lebte so verschlossen in ihrer Phantasiewelt und konnte wohl gar nichts dafür, dass sie ihre Tochter nicht lieben konnte. Lena hatte jedenfalls gelernt, das hinzunehmen, ohne ständig daran zu leiden.

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