Eine Kindergeschichte

Vor einigen Jahren habe ich für meine Grundschüler Geschichten geschrieben, die jeweils einem Buchstaben des Alphabetes gewidmet sind. Sie sollten u. a. den Buchstaben aus der Überschrift erraten – was nicht wirklich schwierig war – und nach dem Zuhören aus der Erinnerung so viele Wörter wie möglich mit ebendiesem aufschreiben. Dann wurden die Wörter an die Tafel geschrieben und sollten im Heft berichtigt werden. Schließlich gab es noch eine Gesprächsrunde zum Inhalt. Einige dieser Geschichten gingen beim Crash meines vorigen Computers verloren, sodass ich sie nicht mehr für jeden Buchstaben zur Verfügung habe. Eines fernen Tages bei sehr viel Muße werde ich die Sammlung wieder vervollständigen und vielleicht veröffentlichen. Da ich jedoch im Zeichnen völlig talentfrei bin und in ein Kinderbuch eigentlich Bilder gehören, bin ich nicht sicher, ob ich es wirklich tun werde.

 

Marie mag manchmal keinen Menschen

Meistens ist Marie fröhlich und unbekümmert. Mit ihrem liebsten Freund Markus macht sie so viele Streiche, wie in einen Nachmittag gerade hinein passen. Besonders im Sommer durchkämmen die beiden Lümmel die Umgebung vom Morgen bis zur Dämmerung. „Die wilden Hummeln“ werden sie deshalb von ihren Mitmenschen schmunzelnd genannt.
Manchmal jedoch steht es schlimm um Maries Gemütszustand. Aus heiterem Himmel bekommt sie eine Mordsangst, wie man sie sich kaum vorstellen kann. Dann benimmt sie sich unmöglich, damit niemand etwas davon merkt. In solchen Momenten macht sie meistens ein motziges Miesepetergesicht, marschiert trampelnd in ihr Zimmer und schließt sich ein.
Mama und Papa kennen das schon von Marie, aber sie verstehen es nicht – nicht mal ein bisschen! Wenn sie an der Zimmertür klopfen, weil sie sich mächtig Sorgen machen, kommt kein Mucks. Maries Eltern sind dann immer sehr bekümmert, aber Oma sagt: „Macht nicht so eine mutlose Miene. Marie nimmt einfach ihre Kummerzeit, da braucht sie Einsamkeit und kann sich niemandem mitteilen. Als kleines Mädchen war ich genauso. Ich werde zum Nachmittag ihren Lieblingsmohnkuchen backen. Wenn der Duft sich in ihrem Zimmer sammelt, wird sie sicher wieder heraus kommen.“ Damit hat Oma gemeinhin Recht, aber manchmal macht Maries Kummerzeit Überstunden. Dann möchte sie weder Mohnkuchen noch Morgenkakao mit Marmeladenbrot, kein Mittagessen mit Möhrengemüse, keine Abendmahlzeit mit Maiskolben. Sie mag keine Menschen sehen und auch nicht ihre Stimmen hören.
Selbst wenn Markus kommt, um mit Marie zu reden, macht sie ihre Zimmertür nicht auf. Alles ist falsch in diesen Momenten: Mama, Papa, Oma und selbst Markus können ihr gestohlen bleiben. Aber der lässt sich nicht so leicht abwimmeln.
An einem warmen Sommertag war es mal wieder so weit. Marie hatte sich eingeigelt Markus wollte das so nicht hinnehmen. Er kletterte auf einen Baum vor ihrem Zimmerfenster und trommelte mit den Fingern dagegen. Markus konnte Marie genau sehen, aber sie drehte ihm den Rücken zu und mochte ihn einfach nicht bemerken. Nach ein paar Minuten vergeblicher Mühe fing der Junge an, ihre Lieblingsmelodie zu summen. Kaum merklich drehte sie sich in seine Richtung, ohne zu ihm zu schauen. Danach fing er an Grimassen zu machen, um zu prüfen, ob sie ihn sehen konnte. Marie schielte jetzt manchmal zu ihm hin, aber sie lachte nicht. Ob das wohl sehr anstrengend war?
Mehrere Minuten hampelte Markus herum, aber es war nichts zu machen. Noch schlimmer! Marie kam zum Fenster und zog ihre Mohnblumenvorhänge zu. Kurz danach konnte man laute Musik aus dem Zimmer hören. Mist! Alles umsonst! Markus` Mund war ganz verkrampft, hoffentlich wurde der wieder normal. Seine Arme fühlten sich an wie Kaugummi vom langen Festhalten. Langsam ließ er sich vom Baum herab gleiten und schlich müde und bekümmert heim.
Und am nächsten Morgen?
Am nächsten Morgen wachte Marie fröhlich auf, öffnete wieder die Mohnblumengardinen, riss das Zimmerfenster weit auf und sah, dass ihr Himmel wieder blau war. Alle Kummerwolken hatten sich verzogen und die Angst mit sich genommen. Sie bemerkte mit einem Mal, wie maßlos hungrig sie war. Als sie die Zimmertür langsam öffnete, wurde ihr doch ein wenig mulmig zumute. Hoffentlich fragte sie auch heute niemand nach einem Grund für ihr seltsames Benehmen, sie hatte ja selbst für sich keine Erklärung. Marie lief schnell noch, um einen Blumenstrauß pflücken und ihn als Entschuldigung zwischen Milch und Marmelade zu stellen. Als sie zurückkam, war ihre weise Oma schon auf. Sie war immer die Erste am Morgen. Marie stürzte sich in ihre Arme und drückte ihr einen dicken Kuss auf den Mund. Dann kamen auch Mama und Papa zum Frühstück. Gott sei Dank stellte niemand Fragen.
So viel Hunger hatte das Mädchen selten gehabt, mehrere Marmeladenbrote aß sie und trank große Mengen Milch dazu. Den ganzen Morgen rumorte es danach in ihrem Magen, aber das war halb so schlimm. Marie war wieder munter und fröhlich, denn ihr war auf einmal etwas klar geworden. Diese Stimmungen würden immer wieder mal kommen, aber sie würden auch immer wieder vergehen, so wie auch ein Kopfschmerz nicht ewig bleibt. Nun musste Marie sich nie mehr Sorgen machen, wenn sie dieses komische Gefühl auf sich zukommen spürte. Die Angst war nicht mehr mächtig und ihr Herz wurde ganz leicht. Als dann noch Markus um die Ecke kam um mit ihr zu spielen, hüpfte es vor Freude.

4 Gedanken zu “Eine Kindergeschichte

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