Mehr von Sophia

Sophia muss eine Pause machen. Das Lesen all dieser Gedanken, die über Wochen, Monate entstanden sind, strengt sie an:

Wow! Das war jetzt ganz schön heftig. Es muss unbedingt mal eine Pause geben. Ich erinnere mich sehr genau an das Gefühl und die Angst, vollständig verrückt zu werden. Je tiefer ich blickte, umso weniger Hoffnung auf einen Weg blieb mir. Woran oder an wem konnte ich mich orientieren? Gab es überhaupt Perspektiven für ein anständiges, sinnvolles Leben?
Überall streckten sie ihre Tentakel nach mir aus, um mich gewaltsam in dieses System aus Lügen, Täuschung, Ungerechtigkeit und bewusster Irreführung zu integrieren. Meinen freien Willen und mein Denken auszuschalten für die Illusion, endlich diesem gewaltigen, schmerzenden Zorn zu entgehen. Mir durch die Demonstrationen der Macht zu vermitteln, es gebe keinen anderen Weg, eine Zukunft in dieser Welt zu haben. Als sei alles Andere von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und scheitern wollte ich natürlich nicht! Ich wollte weder ganz unten noch ganz arm sein.
Es gab tatsächlich einen Punkt, an dem ich wankte, das stetig fordernde Denken ausschalten wollte. Denn was nützte es, alles zu durchschauen, wenn es erstens niemanden interessierte und wenn sich daraus keine Lösung entwickeln ließ? Aber wenige Tage später und nach ein paar verzweifelten, heftigen Alkoholexzessen beschloss ich schließlich doch, meine Suche fortzusetzen. Der Gedanke an eine Kapitulation war mir so widerwärtig, dass neue Energien dafür freigesetzt wurden. Gab es keine Vorbilder, denen ich nacheifern konnte, musste ich mir eben selbst einen Lebensplan unter Berücksichtigung des Gelernten erarbeiten. Genau das habe ich dann auch getan und diesen am Ende meiner Aufzeichnungen festgehalten.
Natürlich habe ich in dieser Zeit auch Spaß gehabt. So bin ich zum Beispiel nach meinen Schichten mit den Anderen noch etwas trinken gegangen, auch mal ins Kino oder in einen Klub zum Tanzen. Das war auch immer lustig und eine Art Hochgefühl ließ mich schweben. Aber nach jedem Ende einer Nacht der Zerstreuung war das alles schon wieder Geschichte. Schon auf dem Nachhauseweg löste sich das Wohlgefühl völlig auf. Nichts davon ließ sich hinüberretten in den neuen Tag. Die drängenden Gedanken, die nach einer Antwort verlangten, forderten wieder Zuwendung.
Einmal war ich sogar heftig verliebt – wenn man das so nennen kann. Ein Gesicht ließ mich nicht mehr los. Ich sah es am Tag und in meinen Träumen. Es verursachte ein ziehendes, heftiges Verlangen und Gefühlschaos. Gerade noch total in Eile, um schnell ein paar fehlende Sachen einzukaufen, trafen mich zwei Augen, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. In einem Augenblick – tatsächlich – stand ich wie versteinert. Dunkel, fordernd und geheimnisvoll bohrten sie sich in mein Innerstes. Sie versprachen mir alles, was ich mir schon immer gewünscht hatte. Mein Mund stand offen. Ich konnte nur schwer atmen. Was für ein Wahnsinnsgefühl – hilflos und kraftvoll zugleich! Den könnte ich lieben mit Haut und Haar, dachte ich.
Leider aber blickte er, dessen Namen ich nicht kenne, von einem Plakat für ein Männerparfüm herunter. Da hatte mich mein Gehirn noch mal gerettet in meiner gerade verwirrten Gemütsverfassung – Hormone, nehme ich an – indem es für eine aussichtslose Situation gesorgt hatte. Denn eigentlich konnte ich so etwas zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gebrauchen. Etwas über eine Woche hielt dieser Zustand noch an, ohne sich abzuschwächen – ging ich täglich zweimal dort vorbei, um diesen Augenblick wieder zu erleben. Dann fing er an, mich zu langweilen. Schließlich vergaß ich ihn.
Ich überlege gerade, ob ich dieses Tagebuch in Abschnitte einteile und auf ein Diktiergerät spreche, damit ich mir bestimmte Teile immer mal wieder anhören kann. Das ist einfacher, als hier in den losen Blättern herumzuwühlen. Aber jetzt lese ich erst mal weiter.

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