Tagebuchauszug

Aus dem Roman „Vorbilder? Fehlanzeige!“

Sophia ist fast 18, schmeißt völlig entnervt die Schule, verlässt ihr Elternhaus und begibt sich auf die Suche nach echten Perspektiven. Ihre erste Station ist ein Zeltplatz, die zweite die Wohnung eines Freundes. Zeitweise arbeitet sie als Kellnerin. Ihre Erlebnisse und Gedanken verarbeitet sie in einer Art Tagebuch, das sie nach ihrer Rückkehr noch einmal durchliest. Sie schildert und begründet darin ihre Kritik an den verschiedensten gesellschaftlichen Problemen und erstellt für sich eine Liste von nötigen und verzichtbaren Berufen, um eine Entscheidung für ihre Zukunft zu treffen. Hier ein Eintrag aus diesen Aufzeichnungen:

Scheißtag – Arbeit – Publikum. Banker im Café – hochnäsiges Volk. Muss mal jammern. Der Job war heute eine einzige Katastrophe. Wollte am liebsten heißen Kaffee überschütten oder wenigsten den Eiskübel zum Prosecco. Das Geschwätz hat mich total wütend gemacht. Aber ich bin in Abhängigkeit, also hab ich`s gelassen. Bin ich jetzt auch schon korrumpiert? Aber gesagt hab ich was: „Seht Ihr ein Schild an mir mit der Aufschrift: ´Mach mich an – ich steh drauf„? Nein? Also lasst es!“ Das war, nachdem ich ständig mit „Süße“ und „Schätzchen“ betitelt worden bin. Nachdem man meinte, mein Rock könne ruhig ein bisschen kürzer sein. Ich sei doch sicher nicht schamhaft, sonst hätte ich ja einen anderen Beruf.
„Wenn du ein wenig netter wärst, hättest du sogar Chancen, einen von uns abzukriegen, wenigstens auf Zeit. Also versau`s jetzt nicht.“, kriegte ich zur Antwort von einem der Gockel. „Das ist ja wohl das Letzte, was eine intelligente Frau sich wünschen kann“, zischte ich, während ich die leeren Flaschen abgeräumt hab. Darauf hielt ein Anderer einen Zehner hoch und sagte grinsend: „ Das ist der Betrag, den du heut nicht bekommst. Kein Humor – kein Trinkgeld!“ Der ganze Tisch hat sich ausgeschüttet vor Lachen. Bevor einer bemerken konnte, wie ich hochrot wurde, bin ich mit meinem Tablett hinter den Tresen geflüchtet. Hörte dann noch: „Unsere kleine Biene kann ja richtig zustechen. Sollten ihr den Stachel ausreißen!“ „Nimm du den Tisch“, hab ich zu meiner Kollegin gesagt, „ich raste sonst aus!“ Mein Chef hat mich auch schon beobachtet, halb besorgt, halb drohend.
Die nerven mich schon lange, aber ich sollte mich nicht so provozieren lassen. Eigentlich wollte ich drüber stehen. Hat nicht geklappt. Fühle mich total blamiert, absolut beschissen, noch jetzt. Am meisten stört mich, dass die heute gewonnen haben. Überlege die ganze Zeit, was ich hätte sagen können, um die Oberhand zu behalten. Klingt aber alles nur lächerlich. Irgendwie denk ich wohl in anderen Bahnen – Gott sei Dank – heute aber störend. Vor allem natürliche Hemmungen scheinen da völlig zu fehlen, auch wenn sie nicht immer ganz so viel getrunken haben wie heute. Außerdem entschuldigt das gar nichts! Was nützt dir die ganze geistige Überlegenheit, wenn`s die Anderen net mal merken?
Halbwegs geahnt hab ich ja, worauf ich mich da einlasse – In-Bistrot im Bankenviertel!? Hätte eh lieber in einer Studentenkneipe bedient, war aber nix frei und ich brauchte Geld. Hab den Job meinem fast perfekten Englisch zu verdanken, es gab 20 Bewerberinnen dafür. Erst hat mich der Dresscode gestört: schick, gern etwas flippig, keine langen Röcke, keine weiten Hosen, keine Hippieklamotten. Hab mir dann aber gedacht: Verkleid ich mich halt für ein paar Stunden am Tag. Ich bleib trotzdem ich, da ändert sich nix. Ist ja eine ganz gute Möglichkeit, Menschen zu beobachten, mit denen man vorher keine Berührungspunkte hatte. Stimmte ja auch. Habe einiges aufgeschnappt, was äußerst informativ war.
Sätze aus der Erinnerung: „Sollen sie sich doch alle freuen, wenn wir entlassen werden. Die haben ja keine Ahnung! Wir kriegen unsere Boni trotzdem. Wir haben wasserdichte Verträge.“ „Mein Geld reicht trotzdem noch ewig. Eine Portion Austern!“ „Die haben ihre Schadenfreude, wir das Geld.“ „Und du kriegst immer noch genug Leute, die abschließen, sobald du 15% versprichst.“ „Auf Dummheit kannst du immer setzen. Da kannst du nur gewinnen.“ „Die Politik wird gar nichts verändern. Die haben ja gar nicht die Macht.“ „Sie hassen uns, aber wir haben die Kohle, die nur Hartz IV, diese Idioten!“ „Komm, wir scheißen auf alle! Prost!“ „In ein paar Wochen ist alles vergessen. Dann geht`s weiter wie gehabt.“
Kann man denen überhaupt einen anderen Vorwurf machen, als dass sie völlig unkritisch alles annehmen und schön auswendig lernen, was ihnen im Studium vorgebetet wird? Wozu die Schule die Vorarbeit geleistet hat? In einer Ausbildung, die beschränkt ist und dadurch Beschränkung erzeugt? Die voll auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, auf Zahlenkonstruktionen und Statistiken und die Bewunderung der Reichsten in dem Gewerbe auf die Spitze treibt. Kann man sich noch wundern, wenn es keine Pflicht gibt, sich gleichzeitig mit Philosophie und Ethik zu befassen?
Müsste nach heute eigentlich kündigen, ich ertrag diese Leute halt ganz schwer. Aber ich werd`s wohl nicht tun. Ein paar Monate halt ich das wohl noch durch. Höre mir das Börsengeschwafel von tollen Abschlüssen, dämlichen Kunden und Zitaten der Gurus einfach an und lerne daraus, auf welcher Sorte Leute ich keine Energien verschwende und wie ich niemals werden will.
Merke gerade, dass ich mir die Sache schönrede. Gedanken kreisen – lassen sich mal wieder nicht abstellen – Gehirn schmerzt – zu viele Wörter – zu viele Abzweigungen – verachte mich selbst – bin nicht konsequent – bin ich schlecht? Genau wie die oder schlimmer?   Jetzt ein Joint zum Runterfahren. Wär eine Wohltat. Hab aber keinen und will eigentlich auch nicht mehr.
Wie viele unserer Entscheidungen gehorchen wirklich der Vernunft? Was machen wir in Wahrheit, weil wir von den Vorteilen geblendet sind? Wie oft transformieren wir unsere Beweggründe, bis sie endlich mit unserem Gewissen übereinzustimmen scheinen? Das ganze Leben, das Berufen auf Konsequenz und Wahrhaftigkeit – alles eine einzige Lüge? Einfach mitmachen, weil`s sonst zu schwierig und kompliziert wird? Ist das Klugheit? Diese Form von Klugheit kann sich doch eigentlich kein intelligenter Mensch leisten, ohne alles zu verraten, das er als richtig erkannt hat. Vielleicht alles doch nur eine Illusion? Hilfe – es hört nicht auf! Geh jetzt laufen, bis mein Hirn leer gepustet ist. Das kann dauern.

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