Fragestunde

Vorgestern Abend habe ich intensiv über zwei Fragen nachgedacht, die mir häufig gestellt werden.  Die erste ist eher neutral und von Interesse gekennzeichnet, wohingegen die zweite in ihrem Kern grundsätzliche Zweifel ausdrückt an der Fähigkeit, gewisse Hauptfiguren glaubhaft darzustellen. Dies aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen, die ich nicht (oder nicht mehr ) habe.

Frage I : Ist eigentlich alles biografisch, was Sie schreiben?

Nun ja, im eigentlichen Sinne schon. Denn sämtliche Gedanken, Bilder, Vorstellungen entstammen meiner Biografie. Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass jede Geschichte eins zu eins von mir so erlebt oder beobachtet wurde. Man kann zum Beispiel eigene Erlebnisse verfälschen, überhöhen oder auch die Hauptperson ganz anders agieren lassen, als man selbst gehandelt hat/gehandelt hätte.  So bietet die Hauptfigur auch die Möglichkeit, all das zu verwirklichen, was wir uns persönlich nicht getraut haben auszuführen. Schon ist die  Erzählung nicht mehr simultan zu realen Ereignissen, entwickelt sich gar konträr.  Ich finde es reizvoll, mit verschiedenen Möglichkeiten zu spielen und ebenso, dass nur jene, die es miterlebt haben, über das Wissen verfügen, was real ist und was nicht.

Frage II:

Kann es glaubwürdig sein und lohnt es sich wirklich zu lesen, wenn eine alte Frau die Erfahrungen einer 18jährigen oder eine Frau das Innenleben eines Mannes beschreibt?

Im ersten Fall ist es abhängig davon, ob man die Tür zur eigenen Kindheit und Jugend geschlossen hat und an der Basis nicht mehr die gleiche ist. In diesem Fall ist es wohl eher zweifelhaft, ob man sich in die Figur hineinversetzen kann oder sie nur nach der gegenwärtigen Beurteilung beschreibt, was natürlich nicht glaubwürdig wirken kann. Hat man sich den Zorn über Ungerechtigkeiten erhalten, spürt manchmal noch die gleiche Unsicherheit und den Schmerz, teilt noch die gleichen Träume nach beinahe einem halben Jahrhundert, ist man noch fähig zur gleichen überbordenden Freude? Nehme ich Schwingungen und Stimmungen Jugendlicher auf und erfühle ihre ja oft verborgenen Ängste und Zukunftssorgen? Ist die Antwort ja, dann kann es gelingen. Eine Frage ist auch, wie nah bin ich meinem jungen Ich und hat es meine Zuneigung – bei aller manchmal berechtigten Kritik? Es ist auch nicht sinnvoll, die Figur manipulativ als durchgehend sympathisch zu schildern – wahrhaftig und ehrlich muss es sein. Über Sympathie oder Antipathie entscheidet dann allein der Leser.

Auch beim zweiten Fall geht es um die Fähigkeit, sich in die Person hineinversetzen zu können. Allerdings kann ich hierbei nicht auf eigene Erinnerungen zurückgreifen. Bleiben also nur Erinnerungen aus zweiter Hand. Kenne ich Männer nur vom Arbeitsplatz oder als Verehrer, kann die Geschichte kaum tiefsinnig und glaubhaft werden. Ein vertrauensvolles Freundschaftsverhältnis zu Männern verschiedener Altersgruppen ist da schon hilfreicher, um Denkstrukturen zu begreifen. In beiden Fällen ist das Sehen von Gedanken, das Beobachten oft wichtiger als das gesprochene Wort. Bisher habe ich selbst einen Mann als Hauptfigur nur in einer Kurzgeschichte benutzt. Diese Figur erscheint mir jedoch ungebrochen glaubwürdig – den meisten Lesern übrigens auch.

 

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