Janina (Sammlung Kurzgeschichten)

In der großen Wohnküche des alten Bauernhauses, gleich links neben dem Kohleherd, führte eine Tür in die geheimnisvolle Traumwelt meiner Kindheit. Dort befanden sich die Räume meiner Urgroßmutter, in denen sie ihre Schätze aufbewahrte und die wir niemals alleine betraten. An regenreichen Nachmittagen und häufiger noch während des Winters, wenn die Feldarbeit ruhte und die Männer sich am liebsten mit der Reparatur und Pflege der Arbeitsgeräte beschäftigten, nahm sie uns Kinder mit hinein in ihr Reich und las uns vor.
Ich erinnere mich noch immer sehnsuchtsvoll an mein Lieblingsbuch, das zusammen mit vielen anderen in der geschnitzten Holzvitrine stand. Dick und sehr schwer fühlte es sich an, wenn ich es aus dem Schrank holen durfte. Die erste Seite zierte ein wundervolles Bild aus alten Zeiten, das von einem rot-grün-goldenem Schmuckrand eingerahmt war. Es zeigte einen braun gelockten Mann, dessen Gesicht und Gestalt seltsame Trauer und starkes Mitleid in mir hervorriefen. Einsam auf einem Stein sitzend, wobei das edle grüne Gewand diesen vollständig bedeckte, das Schwert gegen ein Knie gelehnt, sah er auf ein Blatt Papier herab, welches er in der einen Hand hielt. Der gekrönte Kopf schien schwer auf der anderen Hand zu lasten. Irgendetwas auf diesem Papier schien ihn zu bekümmern. Zwei Wappen mit je einem Vogel im viel zu kleinen Käfig befanden sich an den oberen Seiten. Das sei ein Minnesänger mit Namen “Walther von der Vogelweide“, erklärte meine Großmutter.
Eine ganze Seite zu Beginn jeder einzelnen Geschichte war dem Anfangsbuchstaben gewidmet, der kunstvoll geschwungen sich präsentierte und in welchen Bilder kleiner Szenen aus dem Inhalt eingearbeitet waren. Vor allem eine Erzählung, durch die mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass mein bisher sorgenfreies Kinderleben keine Selbstverständlichkeit war, blieb mir in der Erinnerung:
Ein kleines Mädchen, zart und durchscheinend, lebte mit den Eltern und vielen wilden Geschwistern in einer winzigen, ärmlichen Hütte fernab des Dorfes. Der Vater arbeitete bis zur Erschöpfung und dennoch reichte es nur für das Nötigste. So oft es ging lief das Kind alleine über die Felder und hing schweren Gedanken nach. Eines Tages fand sie unter einem Baum einen verletzten Raben. Behutsam wickelte sie ihn in ihr Halstuch und nahm ihn mit nach Hause, wo sie ihn vorsorglich im Schuppen versteckte, wohl wissend, dass der Vater diesen Gast nicht dulden würde. Täglich brachte sie dem Vogel heimlich etwas zu essen und zu trinken und sprach mit ihm über ihre Sorgen und Nöte. Langsam erholte sich der Rabe und wurde immer zutraulicher. Er war ihr einziger Freund und das Mädchen fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben glücklich.
Plötzlich war alles vorbei. Der Vater hatte den Raben entdeckt und war sehr zornig darüber, dass von dem Wenigen, das sie für sich hatten, ein dummer Vogel mit durchgefüttert wurde. Er packte das Tier mit seinen großen Arbeitshänden und brachte es sofort weg, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Was genau er mit ihm getan hatte, wusste das Mädchen nicht, wohl aber, dass sie ihren Raben niemals mehr wiedersehen würde. Von diesem Moment an fiel sie in einen so tiefen Kummer, den niemand mehr durchdringen konnte, dass sie aufhörte zu essen. Man hatte ihr das Liebste genommen. So wurde sie von Tag zu Tag weniger, bis sie schließlich ihren letzten Atemzug tat.
Ich liebte diese Geschichte mehr als alle anderen, obwohl oder gerade weil sie so traurig war. Diese tiefe Traurigkeit erkannte ich bald als einen Teil von mir an. Das bin ich, so bin ich. Wenn man mir das nimmt, werde ich einen Teil meiner Persönlichkeit, meines Lebens verlieren. Ich kann und will dieses Gefühl nicht mehr missen, das so tief in meiner Seele verankert ist. Niemand versteht, dass Melancholie und Traurigkeit sich so warm anfühlen können wie Heimat und man sich darin sicher zurückziehen kann. Aus diesem Grund trage ich das auch gar nicht weiter nach außen.
Die Außenwelt findet meinen Zustand bedenklich, meine Familie verstört er, weil er nicht normal ist. Aber was bedeutet schon normal, welche Funktion erfüllt diese Norm? Sie bewerten meinen Zustand mit unglücklich sein. Aber wie kann ich ihnen begreiflich machen, dass ich gar nicht unglücklich bin? Diese Erklärung würde sie noch mehr verwirren, weil sie nicht in ihr Weltbild passt. Jedenfalls bemüht man sich, mich umzupolen, mir das auszutreiben. Und sie werden nicht nachlassen in ihrem Bemühen. Ich verstehe schon die Sorge, die dahinter steht. Auch versuche ich, weiterem Druck zu entgehen. So zeige ich mich kooperativ, gehe zu Psychologen und Gruppengesprächen, besuche regelmäßig die Schule und bin bei all dem auch erfolgreich. Ich lerne viel aus eigenem Interesse, bei den psychologischen Terminen gebe ich vor, gut mitzuarbeiten und bediene brav allgemeine Annahmen und vorgefasste Meinungen. Bislang hat niemand meinen inneren Widerstand bemerkt oder richtig gedeutet. Aufpassen muss ich, dass man mir keine Selbstgefährdung unterstellt und mich einweist. Aus diesem Grund verschlinge ich förmlich die psychologische Fachliteratur und bereite mich dementsprechend auf die Sitzungen vor.
Ich erhoffe mir, dass mir eines Tages bescheinigt wird, dass ich unheilbar austherapiert bin und keine Gefahr von mir ausgeht, weder für andere noch für mich selbst. Dann werde ich frei sein, wegziehen und endlich unbehelligt mein eigenes Leben führen können.

 

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