Familienleben (Lena)

O je, Aufruhr am Sandkasten. Lärm reißt sie aus ihren Gedanken. Die Nachbarskinder sind dazugekommen, um mitzuspielen. Jonas steht mit hoch erhobenen Armen da und diskutiert. Lena versteht zwar kein Wort, aber der Fünfjährige diskutiert immer alles aus. Derweil hat Rani, zwei Jahre älter, die Fäuste in ihre Hüften gestemmt und führt heftige Widerrede. Die Verteilung muss neu und gerecht geregelt werden. Wer mit wem und auf welchem Platz. In seinem Freund Niko von gegenüber hat Jonas einen stets eifrigen Diskussionspartner. Dessen Schwester Jenny setzt sich einfach neben Rani auf die Bahnschwellen, die den großen Sandkasten begrenzen, und packt ungerührt die mitgebrachten Spielzeuge aus. Eingreifen muss Lena nicht, die Kinder regeln das für gewöhnlich selbst. Und wirklich! Es ist schon wieder Ruhe eingekehrt. Friedlich werden die Spiele weitergeführt.
Lena lächelt. Sie ist so froh, dass sie es geschafft haben, den Kindern nach den ganzen anderen Einschnitten wenigstens das Haus zu erhalten. Das letzte Haus in der Stichstraße, direkt am Feldrand und mit der größtmöglichen Freiheit, sich auszuleben. Eine Sache, die ihr wirklich wichtig war. Nicht die anderen Häuser, die antiken Möbel, der Schmuck – nur dieses Haus. Die Darlehn abzuzahlen war nicht jeden Monat einfach, aber seit einem Jahr ungefähr sind die größten Geldsorgen aus der Welt und der Gerichtsvollzieher kommt nicht mehr regelmäßig zum Kaffee.

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Lenas Arme, auf denen der Körper aufgestützt ist, werden langsam taub. Nun wird es auch Zeit, die Kinder zu säubern und das Essen vorzubereiten. Viel weiter ist sie mit ihrer Entscheidung noch nicht gekommen. Um zum Ursprung ihrer Ängste zu kommen, muss sie noch weiter graben. Aber nun gilt ihre volle Konzentration erst einmal der großen Familie. Nachdem Lena einige Küchenutensilien inklusive des sandknirschenden Eisportionierers aus dem Sandkasten gefischt hat, eilt sie in die Küche, um Apfelpfannkuchen zu backen.
Die Jungen räumen das Playmobil zusammen. Leander hilft den beiden kleineren dabei. Er war zwischenzeitlich dazugekommen und hat sein Seeräuberschiff ausgeliehen. Zwar ist er schon dreizehn, aber dem Reiz des Spiels kann er sich noch nicht ganz entziehen. Neben dem Sandkasten wurde noch eine Seeräuberinsel aufgebaut, natürlich unter seiner Aufsicht und vielen Erklärungen.
Von der Küche aus sieht Lena, wie Nalika mit dem Fahrrad nach Hause kommt. Sie schiebt es vor sich her, der Lenker ist seltsam verbogen. Auch ihr Knie ist aufgeschlagen und aus ihrem Schritt wird erkennbar, dass sie ziemlich wütend ist. Lena unterbricht das Schlagen der Eier und läuft nach draußen. Das Knie sieht schlimm aus, es ist noch jede Menge Dreck in der Wunde. Während die Wunde verarztet wird, erklärt die Zehnjährige verärgert, dass die bescheuerte Lisa nun nicht mehr ihre Freundin ist. Schließlich ist sie schuld an dem Unfall. Hätte sie nicht die dämliche Idee mit der Sprungschanze gehabt, wäre gar nichts passiert. Während Lena gerade etwas erwidern will, öffnet sich die Badezimmertür. Niko und Jenny haben auch Lust auf Pfannkuchen. Sie haben schon zu Hause gefragt. Lena muss lachen. Also noch ein paar Eier mehr!
Die Kinder decken den Tisch, Lena backt die Pfannkuchen. Ein lautes Knattern erschüttert die Straße, laute Musik ertönt. Hard Rock – ACDC sicher. David, der gerade seinen Führerschein gemacht hat, war mit Jakob Autos gucken. Einiges hat er selbst gespart und erarbeitet, etwas haben Opa und Oma dazu gegeben. Jetzt gehört ihm also ein hellblauer alter VW-Bus. Ja, da ist noch ein bisschen was dran zu machen, aber kein Problem, das wird schon. So ein tolles Fahrzeug. Und es fährt sich prima. Es passen auch alle Instrumente rein. Nein, nichts Neues von ACDC, neues Album kommt erst im Herbst. Hunger!
Die erste Serie Pfannkuchen kommt auf den Tisch, sie sind sicher schnell aufgegessen. Lena muss sich ranhalten, um den Nachschub zu sichern. Jakob löst sie ab. Sie soll auch etwas essen. Es ist laut und lustig bei Tisch. Nach dem Abräumen ein letzter Blick aus dem Küchenfenster. Der Mond steht groß und orange am Rand des Hügels, auf dem Lena vor ein paar Stunden noch gesessen hat. Die Geschwister dürfen einmal in den Bus steigen und sich alles ansehen, die Nachbarskinder gehen nach Hause.
Lena verschwindet für eine Viertelstunde im Bad mit einem Buch. Aber heute liest sie nicht, sie sieht nur nachdenklich aus dem Fenster. Auch von hier aus kann man den riesigen Mond sehen. Diese Auszeit nimmt sie sich jeden Tag. Es gibt da so einen Moment, da merkt Lena, dass die Speicher leer sind und sie Stille braucht, sofort. Immer dann schließt sie sich ein. Fünfzehn Minuten ganz für sich allein genügen ihr – danach kann es munter weitergehen.
Nachdem die Kleinen im Bett sind und Lena ein weiteres Kapitel aus „Nils Holgersson“ vorgelesen hat, wünscht sie den Kindern eine gute Nacht, knipst das Licht aus und geht nach unten. Aus Leanders Zimmer klingen satte Bässe vermischt mit hohen Tonfolgen, er ist mit seinem Mischpult beschäftigt. Jakob hat die Küche aufgeräumt, eine Flasche Rotwein für Lena geöffnet. Ihnen beiden bleibt jetzt noch etwas über eine Stunde Zweisamkeit, bis Jakob zu seiner Nachtschicht aufbrechen muss. Nun noch etwas Musik zum Entspannen. Heute Queen und Ultravox. Es dauert nur eine kurze gemütliche Weile und ein paar Schlucke Rotwein, bis sie eng umschlungen einschlafen.
Der Wecker klingelt. Jakob muss sich umziehen und losfahren. Wie immer bringt ihn Lena bis zur Haustür. Sie verabschieden sich mit einem langen Kuss bis zur Morgendämmerung. Nicht optimal, aber die Kohle muss reinkommen. Aus Davids Zimmer im Untergeschoss dringen fröhlicher Lärm und Gitarrenriffs. Er hat ein paar Freunde zu Besuch, sie üben ein neues Stück für einen Auftritt. Neblige Wolken von Zigarettenrauch schweben über die Treppe nach oben und wollen zum Haus hinaus, als eine Tür sich öffnet. Jochen, der Bassist, kommt die Treppe herauf durch den Dunst und will zur Toilette. Er fragt, ob Jakob schon fort sei und sie nicht Lust habe, noch mit nach unten in die Katakomben zu kommen. Nein, heute nicht, Lena hat noch zu viel durchzudenken.

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