Nächste Station: Freiheit, ein bisschen mehr

Lena ist siebzehn und hat noch ein Jahr bis zum Abitur. Ein Umzug in die Kreisstadt steht an. Dreizehn Jahre hat sie aushalten müssen in einem Siedlungshaus der Provinzstadt, den Überwachungsmethoden und üblen Gerüchten spießiger, missgünstiger Nachbarn ausgesetzt. Die Schule wird sie als Fahrschülerin bis zum Ende besuchen. das bedeutet, sie muss nur noch die Leute treffen, die ihr am Herzen liegen. Und – noch besser – sie muss nicht mehr unmittelbar nach Schulschluss oder in Freistunden nach Hause. Nun steht zum letzten Mal in ihrem ehemaligen Kinderzimmer mit dem Gefängnisfenster.
Abschiedsszene:
„Dieser Raum hat selbst in leerem Zustand noch immer verheerende Auswirkungen auf ihren Gemütszustand. Sie will sich davon nicht noch einmal beherrschen lassen. Schluss damit, abhaken. Mit lautem Knall schließt sie die Tür, tritt zum letzten Mal den langen dunklen Flur mit Füßen und verlässt mit angespannten Nasenflügeln dieses Haus. Draußen atmet sie tief durch, neigt mit Schwung den Kopf nach rechts und links, bis es knackt. Der Nacken entspannt sich. Nun kann sie aufrecht von hier verschwinden. Große Veränderungen kommen auf sie zu und erfüllen sie mit Freude. Das Leben steckt voller Überraschungen.
Während sie auf ihre Eltern wartet, fällt ihr ein, dass sie noch etwas vergessen hat, das sie eigentlich auch noch vor dem Aufbruch auf dem Plan hatte. Einen längst fälligen Brief an ihren langjährigen Freund Toni in Tirol hat sie schreiben wollen. Er schaffte oder wollte es wohl auch nicht wirklich, zu ihr zu stehen. Nun ist das nicht mehr wichtig. Er ist zu einem Praktikum nach Hannover an ihr praktisch vorbeigefahren, ohne einen Besuch auch nur in Erwägung zu ziehen. Mehr Klarheit braucht es nicht. Over and out! Auch in dieser Richtung gilt es aufzuräumen, sich von Illusionen zu verabschieden, Schwärmerei und vergebliches Warten zu beenden. Stattdessen hat sie in den vergangenen Tagen noch einmal trüben, bedauernden Gedanken nachgehangen. Jetzt muss der Brief warten bis nach dem Umzug.
Bevor es wirklich losgeht, verabschieden sich die Eltern noch von den Nachbarn, wünschen sich alles Gute und versprechen sich gegenseitige Besuche. Lena wartet am Rand der Wiese auf die Beendigung dieses Schauspiels. War doch alles mal wieder dermaßen verlogen. Vater hatte eigentlich nur zu der Polizistenfamilie Kontakt gehabt, die über ihnen wohnte, während ihrer Mutter alle Nachbarn  viel zu primitiv gewesen waren. Sich selbst hielt sie im Gegensatz dazu für überaus sensibel und feinsinnig. Wen würden sie denn ehrlich freiwillig besuchen wollen?
Die Familie im 2. Stock links, in der die Mutter den einzigen Sohn gnadenlos verweichlichte und keinen einzigen eigenen Schritt tun ließ, während der Vater Avon-Beraterin war und losbellte, sobald man schon auf dem Weg aufs Fahrrad stieg, einen Ball prellte oder die Bleiche betrat? Eine Wiese ausschließlich für die Wäsche – man stelle sich das mal vor. Wie absurd. Oder wie wär’s denn mit dem Paar auf der rechten Seite, das ständig laute Besäufnisse hatte, die zuweilen mit einer Körperverletzung endeten? Wo mitten in der Nacht Männer ihre Frauen oder Frauen ihre Männer suchten und mit lautem Rufen bzw. hysterischem Geschrei unter Lenas Fenster zur Heimkehr bewegen wollten?
Alternativ vielleicht einen Nachmittagstee bei dem verbitterten Rentnerpaar im ersten Stock, das sich nur einig war, solange es mit dem Fernglas in fremde Wohnungen gucken konnte, sich ansonsten aber die heftigsten Wortgefechte unterhalb der Gürtellinie lieferte? Man könnte auch ein paar lustige Stunden bei der Familie gegenüber verbringen, wo Vater und Stiefmutter den kleinen Sohn oft genug quälten, indem sie den zarten Jungen in Unterwäsche in den Flur warfen und ihn dort wimmern ließen. Natürlich mischte man sich da nicht ein, selbst ihre eigenen Eltern nicht. Einmal hatte Lena ihn zu sich ins Zimmer geholt und in eine Decke gewickelt. Dafür durfte sie sich dann richtig anschreien lassen.
Die einzigen, die Lena besuchen würde, sind die Frau und die drei Kinder des anderen Polizisten. Die waren normal, lustig und anständig. Dieser Meinung waren allerdings nicht alle im Haus. Während die Misshandlung des kleinen Robert als Privatsache angesehen wurde, war man zutiefst empört angesichts der Entdeckung, dass der Freund der siebzehnjährigen Tochter dieser Familie in der Wohnung übernachten durfte. Umgehend wurde zusammengegluckt und gemeinsam über eine Anzeige nachgedacht.
Die Leute im gegenüberliegenden Rosenhaus waren da ganz anders drauf. Am liebsten hatte sich Lena dort bei den Aussiedlerfamilien aufgehalten. Sie waren gastfreundlich, hatten viele Kinder. Dort war man hilfsbereit, lustig, unkompliziert und führte noch ein echtes Familienleben. Folgerichtig rümpften die frustrierten Besserwisser in Lenas Haus die Nase über diese Familien, die Fremden, denen alles nachgeschmissen wurde.
Nein, Lena mochte all diese Leute nicht besonders. Sie würde sich an dieser Heuchelei nicht beteiligen. Hatte nicht die ganze missgünstige Gesellschaft auf der Suche nach ein bisschen Aufregung im ungelebten Leben ihr erst vergangenen Monat eine Affäre mit einem Referendar des Gymnasiums angedichtet? Ja, sie war schon ein Früchtchen. Hatte sie doch diesen Nachbarn die schockierende Beobachtung aufgedrängt, am Abend mit einem Mann loszugehen und später mit einem anderen zurückzukommen. So war dann im Stadtgespräch eine ernsthafte, fair gelöste Angelegenheit in den Dreck gezogen worden. Dieses bösartige, aus reiner Sensationslust gestreute Gerücht hätte den Lehrer seine Anstellung kosten können. Also Tschüss! „

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s