7. KW – Umbrüche

Behörden abgehakt, Zukunftspläne gefestigt, drei Tage lang konzentriert für einige Stunden geschrieben.
Lena kommt auf ihrer Reise durch die früheste Kindheit mit sechs Jahren an jenem Zeitpunkt an, zu dem sie die schützende Hülle des Dorfes, des Hofes verlassen muss, um mit ihren Eltern in einer weit entfernte Kleinstadt eine dunkle Wohnung in einem Siedlungshaus zu beziehen. Bereits bei ihrem ersten Besuch  hat sie sich vorgenommen, alles dort für immer zu hassen. Das Schmerzhafte, ja fast Unerträgliche für das Kind ist der Verlust der geliebten Menschen, besonders der Tante Magda, die ihr eine Mutter war und der kleinen Cousine Kathrin.
Weiterhin versucht sie zu analysieren, wodurch sich ihre Wahrnehmung des Begriffs der Ehefrau so sehr ins Negative gedreht hat, ja geradezu eine Horrorvorstellung  geworden ist.
„Am Morgen war der Vater noch mit zum Skihang gekommen und hatte Lena das richtige Bremsen und Wedeln gezeigt. Es machte immer mehr Spaß. Nach dem Mittagessen musste er sie leider schon verlassen, weil er Dienst hatte. Erst zum Umzug würde er wiederkommen.
Die Tage vergingen mit Schlittenrennen, Skifahren, Schneeballschlachten, bis es dunkel wurde. Sylvester hatte Lena verschlafen. Schnell war der Januar vorbei und der Umzug stand an. Passenderweise hatte es wenige Tage zuvor begonnen zu tauen. Lenas Gemüt verfinsterte sich. Schlechte Laune vermischte sich mit Angst vor dem, was auf sie zukommen würde. Sie hatte kaum noch Appetit, wurde zunehmend blasser. Die Albträume begannen.
Zum Abschied versicherten ihr alle, dass sie in allen Ferien heimkommen könne und sie für immer hier ihren Platz habe. Aber es fühlte sich für Lena alles nur nach Verlust an. Es würde von nun an nie mehr so sein, wie es war. Mit versteinertem Gesicht und einem dicken Kloß im Hals stieg sie in den blauen Opel. Sie würde nicht weinen und vor allem würde sie sich nicht mehr umdrehen und winken.“
„Worin also liegen die Ursachen für Lenas Panik? Bevor sie das nicht ergründet hat, kann sie keine Entscheidung treffen. Der Begriff „Ehefrau“ hinterlässt bei ihr nur noch einen bitteren Beigeschmack. „Meine Frau“, einstmals als respektvolle Wertschätzung empfunden, klingt nur noch nach Gefangenschaft und Geringschätzung. Das ist doch die, die keinen eigenen Willen mehr hat, rumnörgelt, nie zufrieden ist. Die, die betrogenen, verlacht wird. Nicht länger Freundin, Vertraute, Geliebte arrangiert sie sich, um den Schein zu wahren. Sie ist uninteressant, man muss nicht mehr um sie werben, sie ist ja immer da. So hat die gute Frau zwar den Schlüssel für Haus, Speisekammer und Auto erworben, den Schlüssel zur Eigenständigkeit und jeglichen Stolz verloren. Schließlich verfällt sie in Resignation, Bitterkeit zieht die Mundwinkel so weit nach unten, dass selbst die Kosmetikerin aufgibt. Liebe, so wie Lena sie will, bleibt bei dieser Entwicklung auf der Strecke. Sie gedeiht nicht im Sumpf von Machtkämpfen, Misstrauen, Betrug, Unterdrückung, Gewalt und Hass. Um sich noch einen Rest an Selbstachtung zu erhalten, werden schließlich Tricks angewandt und unwürdige Spielchen gespielt. Diese Art zu leben erscheint ihr seit der Kindheit ein Albtraum.
Zwölf Jahre Ehe hatte Lena hinter sich gebracht. Viel Kraft hatte es gekostet, viele Narben hinterlassen. Die Bilanz der äußeren Verletzungen waren ein Nasenbeinbruch, Haarriss in der Hüfte, Schlüsselbein angebrochen, Kieferbrüche. Die Situationen, die die Angriffe bewirkten, hatte sie vor dem Jawort auch nicht im Ansatz für möglich gehalten. Es hatte nach Freiheit und Abenteuer gerochen. Abenteuer im weitesten Sinne hatte es auch zur Genüge gegeben, allerdings oft anders, als Lena sich das vorgestellt hatte. War das nicht Grund genug, um panisch zu werden?
Einmal hat sie sich mühsam aus dieser Abwärtsspirale befreit, um nicht unterzugehen und nach ihren eigenen Regeln zu leben. Noch einmal will sie das nicht erleben. Sieht sie denn Anzeichen dafür, dass es erneut so ausgehen würde? Nein, nicht im Geringsten. Liegt ein Fluch auf dem Konstrukt Ehe? Sicher nicht. Aber die Angst besetzt dennoch einen Teil ihrer Seele. Es gab doch auch andere, glückliche Ehepaare. Jedoch waren sie offensichtlich in der Minderheit. Sie kennt nur sehr wenige.“
 
 

 

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