5. KW – Das Visum

Aus aktuellem Anlass, da die Richtung von Visumsbeschränkungen schon länger vorgegeben war, auch weil man sehr schnell völlig unbemerkt auf amerikanischen Terrorlisten landen kann – bisweilen genügt es, in Deutschland kubanischen Kaffee zu verkaufen – hier eine Kurzgeschichte, die ich vor ca. vier Jahren geschrieben habe. Ich selbst habe bereits länger schon eine Reise in diese USA für mich ausgeschlossen, weil ich mich dieser Form von Kontrollen nicht unterwerfen will bzw. auch meine Familie davon überzeugt ist, dass ich durch meine rebellische Ader gar nicht ins Land gelassen würde. Sie sind allerdings auch der Meinung, dass ich in einem früheren Leben sicher als Hexe verbrannt wurde. Schade finde ich nur, dass ich so nie nach Hawaii komme, aber das muss ich dann eben schlucken.
Das Visum
Sollte Lisa sich doch noch zu einem Glückskind entwickeln? Nach fünf Jahren unermüdlicher Bewerbungen hatte sie schließlich die begehrte Stelle an einer Klinik in Boston bekommen. Endlich konnte sie Deutschland den Rücken kehren und sich aus ihrer Vergangenheit lösen. So weit weg wie möglich – das hatte sie beschlossen, nachdem es ihr endlich gelungen war, den Verrat ihres Mannes und die schmerzhafte Trennung zu verarbeiten. Endlose Sitzungen mit Gesprächen und ihr Erspartes hatte es Lisa gekostet, bis sie wieder wusste, dass sie kein kleines, in Angst erstarrtes Mäuschen war, es zumindest nicht länger bleiben musste.
Sie war wieder zurück, die talentierte Ärztin, die überall auf der Welt ihre Forschungen mit Erfolg würde betreiben können. Was sie allerdings weiterhin belastete, waren die häufigen Familienzusammenkünfte, die sie immer wieder an jene Zeit erinnerten, die sie endgültig aus ihren Gedanken streichen wollte. Unwillkürlich befand Lisa sich im Kreise ihrer Eltern und Geschwister wieder in der Rolle des kleinen Mädchens. Und jedes Mal, wirklich jedes Mal, wurde dieses Thema wieder aufgewärmt. Ob sie denn nichts bemerkt habe, ob es wirklich nötig gewesen sei, sich zu trennen, ob sie nicht wenigstens Freunde hätten bleiben können? Bei den Nachbarn habe das ja auch geklappt. Sie solle nur aufpassen, beim nächsten Mal nicht wieder an solch einen Typen zu geraten. Ja, ja, ja!
In fünf Wochen würde sie all das hinter sich haben, denn am 1. Oktober sollte ihr erster Arbeitstag in Boston sein. Dann wurde nur noch telefoniert mit der Familie und wann immer es ihr zu viel würde, könnte sie einfach auflegen. Das Visum hatte Lisa bereits beantragt. Bald musste es bei ihr ankommen.
Drei freie Tage! Lisa saß am Küchentisch, las die Zeitung in Ruhe und trank Kaffee. Ein Luxus, den sie sich nicht oft leisten konnte. Es klingelte. Der Postbote hatte ein Einschreiben. Das musste ihr Visum sein. Aufgeregt riss sie den Umschlag auf: ABGELEHNT! stand auf ihrem Antrag. Es fühlte sich an wie eine Ohrfeige. Warum, was sollte das? Sie hatte doch ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis beigefügt. Wieso stand da keinerlei Begründung? Das nahm ihr doch jegliche Möglichkeit des Widerspruchs.
Nein, sie würde es nicht akzeptieren, nicht so. Lisa rief in der Botschaft an. Als sie nach vielen vergeblichen Versuchen endlich einen Zuständigen sprechen konnte, gab dieser ihr zu verstehen, dass sie kein Anrecht habe auf eine Begründung. Darauf hin forderte sie Akteneinsicht, um zu überprüfen, was über ihre Person gespeichert sei. Auch das wurde ihr verwehrt. So würde sie sich nicht abspeisen lassen! Lisa entschied, einen Brief zu schreiben, den auch einige Zeitungen in Deutschland und den USA erhalten sollten. Begeistert von dieser Idee begann sie sofort zu schreiben. Nach mehrmaligen Korrekturen entstand folgender Brief:
Sehr geehrter Herr Präsident,
ich bin Ärztin, 40 Jahre alt und habe mich auf eine Stelle an einer Klinik in Boston beworben. Die Stelle wurde mir zugesprochen, mein Visumsantrag jedoch wurde abgelehnt. Einer Bitte auf Begründung wurde nicht entsprochen. Mir wurde gesagt, ich habe kein Recht darauf. Ein Antrag auf Akteneinsicht, welche Daten über meine Person gespeichert wurden, wurde ebenfalls abgelehnt. Das akzeptiere ich nicht.
Es kann nicht sein, dass ich, ohne es zu ahnen, ausspioniert werde und Informationen gefiltert, gespeichert und interpretiert werden, bis aus mir eine unzumutbare Person wird, die mit meiner wahren Identität nichts mehr gemein hat. Zu einer solchen Deformation hat niemand – und ich meine niemand! – das Recht.
Als freier Mensch bestimme im Grundsatz ich allein darüber, welche Informationen über mein Leben verfügbar sind und für wen, es sei denn, es handele sich um kriminelle Tätigkeiten. Wenn aber der von Ihnen regierte Staat der Meinung ist, er müsse zu jedem Zeitpunkt alles über meine Person wissen, so stimme ich dem nur unter folgenden Bedingungen zu: Ich erfahre ebenfalls zu jedem Zeitpunkt alles über Sie und Ihre Institutionen. Weiterhin verlange ich eindeutige und ausführliche Erklärungen, zu welchem Zweck jedwede Informationen über mich gesammelt werden. Gleiches gilt im übrigen für alle Menschen. Wenn jeder alles weiß, es also gar keine Geheimnisse gibt, herrscht wieder ein Gleichgewicht. Sollte sich auf Dauer nichts an den Praktiken ändern, so kann ich nur Jedem den Rat geben, das System mit so vielen Informationen zu füttern, bis eine Sichtung der Daten unmöglich wird.
Als nächstes möchte ich Ihnen auf freiwilliger Basis noch einige Einblicke in meine Lebensführung und meine Ansichten geben, damit Sie nicht auf die Interpretationen Ihrer Behörden angewiesen sind und selbst entscheiden können, ob Sie mir weiterhin die Einreise in die USA verweigern wollen, was ich dann dementsprechend werten werde:
Ich denke, ich bin ein absoluter Menschenfreund mit Zivilcourage. Aus diesem Grund wehre ich mich gegen jede Form der Diskriminierung und habe keine Angst, mich unbeliebt zu machen. Obwohl ich keiner Religion angehöre, bin ich für freie Ausübung jeden Glaubens und informiere mich darüber. Zum Beispiel besitze ich drei deutsche Übersetzungen des Koran, um nicht durch Fehlinterpretationen ein falsches Bild zu erhalten.
Ich kaufe keine Fertigprodukte, hole mein Fleisch beim Erzeuger und ziehe möglichst Gemüse und Kräuter selbst, weil ich wissen will, was in meiner Nahrung enthalten ist. Da versteht es sich von selbst, dass ich auch aktiv gegen Massentierhaltung, genmanipulierten Anbau und das Freihandelsabkommen eintrete.
Jede Form der Manipulation ist mir zuwider und die Schlagwörter „Innere Sicherheit“, „Bedrohte Arbeitsplätze“ und „Liberalisierung der Märkte“ erzeugen bei mir Brechreiz, da sie hauptsächlich dazu dienen, Angst zu verbreiten und berechtigte Forderungen der Bürger zu verhindern. Nachrichten hinterfrage ich kritisch und versuche, den Anteil der Fakten von dem der Meinungsmache abzukoppeln, weil ich mir meine Meinung selber bilde. Ich finde es wichtig, dass jedes Kind so gut gebildet wird, dass es selber denken lernt, um über seine Handlungen als Erwachsener eigenständig zu entscheiden. Dazu gehört auch der freie Zugang zu allen Informationen und Fakten und die Fähigkeit, diese objektiv zu betrachten, um die Konsequenzen von Handlungen und Entscheidungen für sich selbst frei und unabhängig einschätzen zu können. Die vermehrte Verbreitung gekaufter Studien als Wissenschaft getarnt zum Zweck der Fehlinformation und politischen Willensbildung auf falscher Grundlage halte ich für einen Skandal.
An meinen freien Tagen engagiere ich mich in einem Jugendzentrum und bemerke die zunehmende Tendenz, freie Entfaltung der Persönlichkeit zu verhindern. Schlimmer noch, durch überbordende unnötige Gesetze und Zensur in vielen Bereichen werden Jugendliche und junge Erwachsene für jeden Schritt abseits der gewünschten Normen, die oft gar nicht wünschenswert sind, kriminalisiert und für ihre Zukunft abgestempelt. Eine Zensur bei volljährigen Menschen, in welchem Bereich auch immer, steht nach meiner Überzeugung den Politikern, die sich gerne für den Staat halten, aber in Wahrheit unsere Interessen vertreten sollen, nicht zu. Denn der Staat sind wir Bürger und wir bestimmen selbst, bei Kenntnis aller tatsächlichen Konsequenzen (s. Abschnitt Bildung), was wir lesen, welche Filme wir sehen, welche Spiele wir spielen, ob und was wir rauchen, ob wir uns für oder gegen Alkohol entscheiden und ob wir unser Leben an einem gewissen Punkt beenden. Das alles auf der Basis von Anstand, Moral und humanistischen Werten und unter der Maßgabe, dass durch das eigene Verhalten kein Anderer körperlich oder seelisch verletzt wird, kurz gesagt mit Respekt vor jedem Leben.
Macht und Radius von Banken und Börsen müssen meines Erachtens eine massive Einschränkung erfahren, Rating-Agenturen als zerstörerische manipulative Kunstgebilde sollen abgeschafft werden, Spekulationen, insbesondere auf Nahrungsmittel, haben zu unterbleiben, weil diese Kräfte sowohl einzeln als auch in Kombination der Weltbevölkerung schaden. Auch dafür engagiere ich mich mit Nachdruck, weil ich das Elend so vieler Menschen nicht ausblenden will, es durchaus gemildert werden könnte und niemand sich aussuchen konnte, wo er geboren wurde. Dem Wohl aller Menschen müssen wirtschaftliche Entscheidungen dienen und nicht der isolierten Betrachtung einzelner privilegierter Staaten und Konzerne.
Die ständigen Warnungen vor terroristischen Anschlägen erscheinen mir mehr Selbstzweck als Realität zu sein. Nach meinen Informationen sind in Ihrem Land weit mehr Menschen pro Jahr durch „unsachgemäßen“ Waffengebrauch ums Leben gekommen als durch Ereignisse, die man dem internationalen Terror zurechnen kann. Hier fehlt mir die Verhältnismäßigkeit.
Zum Schluss noch ein paar Banalitäten mit großen Auswirkungen:         Ich bin gegen Wahlkampf als Werbeveranstaltung, politische Korrektheit, die Unsitte, für alles Hitlisten zu erstellen, Durchleuchtung auf Flughäfen, meinen Fingerabdruck auf Dokumenten, Überwachung in allen Lebensbereichen, die Unterdrückung/Deckelung völlig normaler menschlicher Ausdrucksformen, vor allem bei Kindern, und gegen das Coachen des Menschen, bis von seiner Persönlichkeit nichts mehr übrig ist und statt Sein nur noch Schein bleibt. Und es stresst mich, dass, wenn ich im Garten eine Zigarette rauche, mich die Leute ansehen, als hätte ich gerade den Hund vergiftet.
Ich will keine Signale aussenden, ich will Zeichen setzen und wahrhaftig sein.
Man kann wohl sagen, dass ich mich bemühe, ein guter Mensch zu sein. Wenn ich durch diesen Umstand für Ihr Land eine Bedrohung darstelle, dann hat Ihr Land mich nicht verdient.
Hochachtungsvoll
Lisa K.
Lisa wartet noch immer auf eine Antwort. Ein Visum für die USA hat sie nicht mehr beantragt. Sie bekam die Stelle in Wien und arbeitet gern dort. Am Stadtrand wohnt sie in einem kleinen Haus mit großem Garten, wo sie weiter ihr Gemüse und ihre Kräuter anbaut und viele Eingaben schreibt. Bei den Gartenarbeiten helfen ihr „problematische“ Jugendliche aus dem Viertel, denen sie mit Rat und Tat beisteht. Sie hat eine detaillierte wissenschaftliche Arbeit zu Marihuana geschrieben, weil sie sich maßlos über die vielen bewusst gestreuten Halbwahrheiten und Vorurteile bzgl. der Wirkung geärgert hat. In ihr keimt der Verdacht, dass vor allem die mächtige Pharmaindustrie sich durch eine Legalisierung bedroht fühlt. Deshalb hat sie eine Liste erstellt, welche Medikamente und chemischen Zusätze verzichtbar wären, sobald der freie Einsatz des Naturproduktes Hanf in all seinen Erscheinungsformen genehmigt würde. Das Ausmaß der Ergebnisse hat sie selbst überrascht und ihr verdeutlicht, dass der Kampf sehr langwierig sein wird. Eine von Lisa ins Leben gerufene Petition gegen das Verbot hat schon über 500.000 Unterzeichner.
Am meisten freut sie sich darüber, dass auch Personen Stellung beziehen, die genau wie Lisa es nicht selber nutzen. Denn gegen Ungerechtigkeiten sollten alle Menschen solidarisch zusammenarbeiten, auch wenn sie nicht unmittelbar betroffen sind. Zurzeit versucht sie zu erreichen, dass Vergewaltigung ähnlich wie Mord geahndet wird, weil dadurch Seelen getötet werden. Das will sie anhand von Fallstudien belegen. Als nächstes wird sie die globalen Folgen der Spekulationen auf Lebensmittel und deren Bedrohung für ganze Volkswirtschaften dokumentieren und eine internationale Petition starten, um den beteiligten Banken das Handwerk zu legen. Falls es noch nicht klar wurde – Lisa`s Ansichten haben sich nicht geändert.

 

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