3. KW – Kinderseelen

Die persönliche Woche, nicht die der politischen Ereignisse, war voller wunderbarer Wintererlebnisse. Der Garten wirkt verwunschen, so schneebedeckt. Eine Meise sang, als ahne sie den nahenden Frühling. Ich denke, sie war etwas voreilig. Es herrscht tiefer Frost. Im Gewächshaus beginnt auch schon ein neues Jahr, erste Triebe zeigen sich. Dazu ein fröhlicher Tag mit meiner Schwiegertochter und den Enkeln. Nun kenne ich auch den bisher Jüngsten in unserer Familie. Spielen, singen, vorlesen, vorsichtige Schlittenversuche mit zwei glücklichen, lebendigen, gesunden Kindern- solche Tage vergehen viel zu schnell. Man  muss sie dankbar in der Erinnerung verankern.

Ich weiß auch wieder, warum wir auf dem Dorf leben. Während eines Spaziergangs hatte meine Schwiegertochter ihr Handy verloren. Nach erfolgloser Suche riefen wir die Nummer an. Tatsächlich meldete sich eine Stimme. Man habe es gefunden und sei schon bei der Polizei gewesen damit. Später wurde  es uns zurück gebracht.

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Die Nächte sind auch nach solchen Tagen dunkel, manchmal sehr dunkel und voller verstörender Gedanken. Manchmal hilft es, dagegen anzuschreiben. Also schrieb ich weiter. Immer wieder jedoch stoppte ich den Prozess, kehrte zu bestimmten Kindheitserinnerungen am Anfang zurück, die den Charakter und die Lebenseinstellungen der Hauptfigur Lena maßgeblich geprägt haben.

Hier ein Auszug, erst der Beginn, anschließend eine Kindheitserinnerung:
„Zwiespalt
Auf der Wiese sitzt die Närrin. Ihre Hände liegen auf dem Gras. Sie stützen den zurückgelehnten Körper ab. Es ist ein gutes Gefühl, die Feuchte zwischen den Fingern zu spüren, die der kürzlich geschmolzene Schnee hinterlassen hat, die dunkle Erde wieder zu riechen. Wenn es ihr schlecht geht, sie nicht mehr weiter weiß, bohren sich ihre Finger tief in den Boden. Das hilft ihr zu erkennen, wer sie ist und wieder klar zu denken. Gesund ist es sicher nicht, hier zu sitzen. Die dünne Regenjacke, die Lena ausgebreitet hat, hält nicht allzu viel ab. Doch der Drang, der Erde endlich wieder nah zu sein, war von jeher stärker als vernünftige Überlegungen. Sobald die Tage wärmer werden, entwöhnt sie sich von Stühlen, Schuhen und Strümpfen. Selbst im Haus sitzt sie lieber auf dem Boden. Heute hat sie nur den zweitliebsten Platz am Hang, unterhalb der kleinen Böschung an der Kuhweide. Unter dem alten Birnbaum liegen noch kleine Reste von Schnee. Aber auch von hier aus hat sie das Haus und die spielenden Kinder fest im Blick. Seit zwei Tagen scheint die Frühlingssonne kräftig. Lenas jüngere Sprösslinge haben sich den Sandkasten zurückerobert. Die Einteilung, wo das Playmobil-Imperium sich ausbreiten darf und wo die Eisdiele, ist in vollem Gange. Während Lena die Szene beobachtet, haben ihre Gedanken die Spielenden längst verlassen.
Eine Entscheidung muss getroffen werden. Zu lange schon hat sie eine Antwort hinausgezögert. Heute wird Bilanz gezogen, abgewogen. Nach 38 Jahren auf dieser Welt scheint das auch angebracht. Schließlich ist mindestens die Hälfte des aktiven Lebens unwiderruflich vorbei. Wie soll die Zukunft gestaltet werden? Nicht nur Jakob, ihr Gefährte seit 5 Jahren, hat eine Antwort verdient, auch Lena selbst braucht Klarheit. Wenn das so einfach wäre. Lena hat in ihrem Leben bereits viele für Nahestehende unverständliche Dinge getan, ist Fehleinschätzungen aufgesessen, hat viele Tabus gebrochen, zum Teil teuer bezahlt dafür. Zudem spürt sie, dass sie noch nicht jeden Schmerz ihres Daseins erlebt hat. Manchmal schreckt sie schon die Vorstellung dessen, was noch auf sie zukommen wird. Was, wer ist es wert, Wagnisse einzugehen? Soll sie der Angst aus den Schrecken der Vergangenheit nachgeben und ihrem unbedingten Vertrauen misstrauen? Dem Willen nachgeben, sich nie wieder in eine Abhängigkeit zu begeben?“
Rückblick:
„Wo war der ihr zugedachte Platz im Universum? Irgendwo musste die Bestimmung ihrer traurigen Existenz doch liegen. Schließlich hatten ihre lebensgefährlichen Mutproben gezeigt, dass sie noch nicht sterben sollte.
Das Thema Selbstmord war ebenfalls in diesen Wänden (des Kinderzimmers) abgehandelt worden. Nach reiflicher Überlegung stand fest, dass es für sie nicht infrage kam. Der Gedanke, dass es doch schade wäre tot zu sein, wenn bessere Zeiten kämen und sie diese dann nicht mehr erleben könnte, machte ihr das schnell klar. Ein Grundoptimismus gehörte unzweifelhaft auch zu ihrem Leben.
Von all diesen inneren Kämpfen und schwermütigen Zuständen ihrer Tochter hatten Lenas Eltern keine Ahnung. Das wäre auch wenig hilfreich gewesen. Der Vater wäre verstört gewesen, hätte Erklärungen gefordert, die sie nicht hätte geben können. Wusste sie doch selbst nicht, was manchmal in ihr vorging. Die Mutter hätte einen neuen Grund gehabt, sich leid zu tun. Letzteres war noch schwerer zu ertragen. Sie war gedacht als unkompliziertes, lustiges und unterhaltsames Geschöpf. Diese Erwartungen erfüllte sie ohne Verstellung, denn auch das steckte in ihr.
Ganz normal war sie nie gewesen, zumindest befürchtete ihre Mutter das. Ein Mädchen, das sich verhält und anziehen will, wie ein Junge, das im Bett mit dem nicht vorhandenen Bruder spricht, alles verschenkt, wenn andere es brauchen und sich oft unter dem Esstisch versteckt und an die Wände malt. Das stundenlang verzückt vor der geöffneten Ofentür sitzt und in die Flammen hineinsieht. Das sich Ringkämpfe liefert mit Jungen, oft größer und älter als sie, und diese auch noch gewinnt – immer! Und das keinen Schmerz zu spüren, keine Tränen zu haben scheint. Der innere Schmerz hatte sie abgehärtet gegen lächerliche Schnitte und Risse in der Haut, eigene Abhärtungsrituale hatten ein Übriges getan.“

 

 

 

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